…. rief meine Freundin an. Ich hatte schon mal von ihr erzählt: Es ist die Freundin, die Briefe, Rechnungen, Belege, Kochrezepte, Tipps in Papierform oder Ähnliches auf einem Sitzhocker in ihrem Wohnzimmer stapelt und – wenn der Stapel nicht mehr ausbaufähig ist – weitere dieser Dinge in einer Schublade ihres Wohnzimmerschrankes deponiert. Manchmal fällt der Stapel auf dem Hocker um, dann stimmt die Reihenfolge nicht mehr, wenn sie ihn wieder auftürmt. Einmal im Jahr, wenn sie dann einiges davon für die Steuererklärung benötigt, sitzt sie viele Stunden, um das Ganze zu sichten, zu sortieren und abzuheften. Sie stöhnt dann immer und hat null Bock darauf. Meist bricht sie ab, wenn sie alles Wichtige gefunden hat. Einige Male habe ich gesagt, sie solle das doch direkt, wenn es kommt, in den entsprechenden Ordner heften, weil sie dann Hocker und Schublade frei habe und vor allen Dingen sich die stundenlange Sortiererei erspare. Aber jeder hat so seine eigene Ordnung und daher habe ich es irgendwann aufgegeben.
Nun rief sie also an und war den Tränen nahe. Sie hat ihre Rente beantragt und nun kam ein Brief, in dem einige Sachen angefordert wurden – so z.B. ihr Gesellenbrief. Sie sagte, sie hätte jetzt alle Ordner gründlichst durchgeschaut, der sei nirgends. Sie war sogar im Keller, wo noch Umzugskartons von vor 20 Jahren stehen, die sie noch gar nicht ausgepackt hat. Dort habe sie einen ganzen Kasten voller Fotos gefunden und festgestellt, dass sie mal richtig gut ausgesehen hätte. Meine neugierige, von wirklichem freundschaftlichem Interesse geprägte Frage „Wann war das – vor 60 Jahren?“ konnte sie nicht aufheitern. Alte Bücher, alte Klamotten – alles sei in den Kartons gewesen, aber nicht der Gesellenbrief. In keiner Schublade, in keinem Ordner, bei keinen Unterlagen sei dieses doofe Teil. Und dann kam der Satz – ich bewundere heute noch meine Fähigkeit, nicht gelacht zu haben: „Ich verstehe das absolut nicht, ich bin doch total strukturiert in solchen Dingen, wieso finde ich den nicht?“
Mir kam eine Idee! „Hast du schon in dem Ordner nachgesehen, in dem deine Rentenunterlagen sind?“, fragte ich. „Nein“, antwortete sie, „ da kann er ja nicht sein, genau dafür brauche ich ihn ja.“ Da ich auch schon mehrfach dasselbe gefragt wurde von der Rentenversicherung, sagte ich: „Garantiert haben die den schon mal angefordert, du hast ihn kopiert und dann in diesen Ordner geheftet!“ Trotz Widerspruch schaute sie nach – und siehe da, da war er! Sie meinte, sie würde wohl langsam doch alt. Ja, diesen Satz sage ich auch hin und wieder. Doch heute wurde ich diesbezüglich beruhigt. Eine Freundin, die fast 15 Jahre jünger ist, rief mich heute früh an und sagte: „Hast du schon auf dein Handy geschaut? Ich hab dir ein saulustiges Video geschickt, das ist so cool!“ Äh – nein, auf meinem Handy war nichts. Verwundert sagte sie: „Verstehe ich nicht, ich hab dir das doch gestern Abend geschickt!“ Und dann rief sie: „Ach herrjeh – das hast ja DU mir geschickt und nicht ich DIR! Jetzt geht’s los – ich werd alt!“

Ihre Angelika