Ich habe versehentlich mal nachgedacht und ich glaube, die Zeit ist kaputt. Ich war doch eben noch 18 Jahre alt und jetzt klopft mein 50. Geburtstag an die Tür. Wie konnte das denn geschehen? Die Zeit scheint viel schneller zu fließen. Als junger Bursche mit lockigem Haar konnte ich nach durchzechter Nacht 15 Stunden am Stück schlafen und heutzutage ringe ich der Nacht noch knappe 6 Stunden Schlaf ab, nachdem ich die gesellschaftliche Verpflichtung am Samstag Abend um 21 Uhr aufgegeben habe. Eigentlich habe ich heute mehr Zeit als in meinen Jugendtagen. Aber die Zeit fliegt, schießt im fünften Gang auf der Überholspur an mir vorbei. Rücksichtslos. Liegt es doch an meiner Wahrnehmung? Der zurückgelegte Lebensweg ist länger als die Strecke, die noch vor mir liegen könnte. Ist es womöglich schon Zeit, eine Sterbegeldversicherung abzuschließen oder ein Testament auszuarbeiten? Der Gedanke erschreckt mich, denn ich fühle mich weiterhin wie ein junger Recke. Allerdings sagen meine Jahresringe etwas anderes. Der Spiegel im Flur ist auch kaputt. Es geht doch einiges kaputt im Laufe der Zeit. Ich hatte mir in jungen Jahren eine Liste angefertigt. Dort schrieb ich meine kühnsten Abenteuerwünsche und Lebensziele auf , die ich im Laufe der Jahre abhaken wollte. Diese Liste habe ich vor kurzem im Keller wiedergefunden. Die Schrift war zwar verblasst, doch es war noch alles lesbar. Aber die Häkchen fehlten. Die Zeit ist ein zerbrechliches Gut. Sie läuft weiter wie Sand durch ein Stundenglas. Altbackene Sprüche, aber wahr. In der Schule schaute ich ständig auf die Uhr und der Zeiger brauchte ewig, um sich auch nur 15 Minuten vorwärts zu bewegen. Heutzutage denke ich mal kurz über ein Thema nach und schon ist es Donnerstag. Dann noch etwas in Angriff zu nehmen, lohnt sich gar nicht mehr so kurz vor dem Wochenende. Wenn ich morgens erwache, plane ich den Tag zeitlich durch. Dinge, die gemacht werden müssen, Dinge, die gemacht werden sollten und Dinge, die gemacht werden könnten. Die Zeitfenster im Kopf stehen, Kaffee wurde getankt, die Motivation ist hoch und nicht selten wird schon nach der zweiten Tagesaufgabe der Terminkalender gekürzt oder teilweise komplett aufgegeben. Warum? Es fehlt die Zeit. In meinen frühen Jahren konnte ich nach der Arbeit sofort etwas unternehmen. Freunde wurden via Schnurtelefon mit ins Boot gezogen, Duschen, neu einkleiden, zwischendurch eine Pizza bestellen, ein kurzer Disput mit der Mama, dann doch noch den Abfalleimer runtergebracht und ab durch die Mitte. Ich glaube, ich bin neidisch auf mich selbst, auf mein junges Ich. Der hatte noch Zeit im Überfluss und ich, ich gehe jetzt zum Bäcker, Kaffeestückchen holen…, die Zeit nehme ich mir jetzt.

Euer Thorsten…und Servus !