Die letzten Argumente von Eltern, die ihre Kinder von Computer- und Konsolenspielen fernhalten wollen, sind hiermit wohl dahin: bisher hieß es oft, dass Video-Games verdummen, oftmals standen sie sogar unter der Kritik Aggressionen und Gewalt zu fördern. Mittlerweile wurden diese Theorien komplett widerlegt – und die einst verpönten Spiele halten sogar Einzug in Altenheime, um das Gedächtnis der Senioren durch regelmäßigen Denksport auf Trab zu halten. Doch wie wirkt sich Gaming denn nun wirklich aufs Gehirn aus und welche Videospiele eigenen sich am besten dazu das Erinnerungsvermögen anzukurbeln?

Ist Game nicht gleich Game und sind in der Tat nur manche dazu geeignet das Gehirn zu beanspruchen? Generell ist sich die Forschung mittlerweile einig, dass es gar nicht so sehr auf die Art des Spiels ankommt. Klar, Spiele wie Sudoku oder Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging – zunächst für Nintendo DS entwickelt und nun in neuer Version auch für den Switch erhältlich – sind direkt darauf ausgelegt strategisches Denken, Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis zu fördern. Auch traditionelle Kreuzworträtsel gibt es mittlerweile in digitalem Format, ebenso wie Memory, Puzzlespiele oder moderne „Escape Rooms“, bei denen Hinweise gefunden und getüftelt werden muss, um sich aus einem Raum zu befreien. Klassiker in Sachen strategischem Denken wie beispielsweise Schach sind ebenso online zu finden wie viele Arten von „Glückspielen“ und Online-Casinos, die oftmals jedoch weniger mit Zufall zu tun haben und von einer guten Hand abhängen, als von schlauer Überlegung, mathematischen Berechnungen sowie psychologischem Geschick.

Poker beispielsweise ist seit Jahren Thema wissenschaftlicher Untersuchungen, Forscherteams an Universitäten weltweit haben mittels Analysieren unzähliger Partien herausgefunden, dass gerade bei zunehmender Spielerfahrung mehr Geschicklichkeit als Glück zum Tragen kommt. Berechnet wird dies über eine Standardabweichung, also der Abweichung von einem Mittelwert, der den Zufallsfaktor eines Spiels bestimmt. Eine Studie an der Universität von Heidelberg wies nach, dass nach etwa 100 gespielten Poker-Partien ein Spieler, der in der Standardabweichung besser ist als sein Gegenspieler, zu 75 Prozent mehr Partien gewinnen würde. Die grauen Zellen beanspruchen, den Gegner durchschauen und Chancen berechnen, sind demnach ein wichtiges Element dieses Casinospiels.

Gleiches gilt für Black Jack, gemeinhin ebenfalls als Glückspiel bekannt. Hier dient jedoch ein schlauer Trick dabei die Gewinnchancen zu erhöhen: Kartenzählen hilft Black Jack-Spielern dabei zu erkennen, wann sich das Spiel zu ihren Gunsten wandelt. Dabei erhält jede Karte eine numerische Markierung, ist die laufende Zählung nach einer Runde positiv, befinden sich die höchsten Karten noch im Stapel und man sollte seine Wette erhöhen, ist die laufende Zählung negativ, befinden sich kleinere Karten im Stapel und man sollte seinen Einsatz verringern. Der Spieler ist also dazu aufgefordert konzentriert mitzurechnen und strengt damit sogar bei Black Jack einen Grips an.

Doch wie ist es um Action-Spiele, Ego-Shooter-Games sowie beliebte Role-Playing-Games bestellt? Wird dabei in erster Linie wirklich nur geballert und gegeneinander gekämpft? Absolut nicht, denn auch dabei wird das Gehirn des Spielers beansprucht. Zum einen wird räumliches Vorstellungsvermögen gefördert, zum anderen die kognitive Kontrolle – die Fähigkeit schnell zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln. An der Universität von Genf untersucht man den Einfluss von Actionspielen auf die Hirnfunktion seit vielen Jahren, und konnte dabei durchwegs positive Auswirkungen feststellen. Nicht zuletzt deshalb werden Computerspiele mittlerweile sogar eingesetzt, um kognitive Defizite infolge eines Schlaganfalls auszugleichen.

Alles jedoch in rechten Maß, denn exzessives Spielen kann durchaus die Gehirnsubstanz verringern, wie eine andere Studie an der Universität von Ulm erkannte: dort verglich man die Hirnstruktur von Gamern, die über die Studiendauer hinweg regelmäßig „World of Warcraft“ spielten, mit einer Kontrollgruppe, die nicht spielte. Nach sechs Wochen erkannte man eine Abnahme in der grauen Hirnsubstanz im orbitofrontalen Kortex, der für die Emotionsregelung und Entscheidungsfindung zuständig ist.

Während ständiges Gaming also durchaus Suchtpotenzial besitzt und den Gefühlsbereich beeinflussen kann, scheint es hinsichtlich Denk- und Erinnerungsvermögen keine negativen Nebenwirkungen zu haben. Auch die Theorie, dass das Spielen von Shooter-Games aggressiv macht, ließ sich bisher nicht belegen, im Gegenteil – Videospiele werden mittlerweile sogar zur Therapie von Depressionen eingesetzt, da sie Glücksgefühle erwecken und Erfolgserlebnisse erzeugen können. Zudem erlauben sie den Spielern in eine Fantasiewelt abzutauchen, was besonders im Fall von positiven Heldenfiguren wiederum förderlich sein kann, um den Gemütszustand zu verbessern.

 

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Sogar in Altenheimen wird inzwischen oftmals gespielt – auf PCs, Konsolen wie auch Tablets. Damit soll Gedächtnis, Lebensfreude wie auch Beweglichkeit gefördert werden. Die Krankenkasse Barmer erkannte das Potenzial von Gaming auf das Gehirn von Senioren und führe eine eigene Spielkonsole mit der Bezeichnung „MemoreBox“ ein, finanzierte nicht nur die Geräte selbst, sondern gleichzeitig auch die wissenschaftliche Untersuchung deren Auswirkungen. Dabei kann beispielsweise vom Rollstuhl aus Motorrad gefahren, gekegelt oder Tischtennis gespielt werden. Gesteuert wird dabei durch Gesten und Bewegungen, was wiederum dem Erhalt der Grob- wie auch Feinmotorik zuträglich ist. Die Games erlauben die Anwendung allein, zu zweit oder auch in einer Gruppe, was wiederum soziales Verhalten unter den älteren Menschen fördert.

Allgemein gelten Klassiker wie Solitaire und Tetris zwar nach wie vor als besonders geeignet für ältere Menschen, darüber hinaus wurden jedoch viele hochmoderne Spiele entwickelt, die auch dieser Generation Spaß machen. Zu den beliebtesten Senioren-Games gehören beispielsweise das Aufbaustrategiespiel Anno 1404, wo Handel, Diplomatie und Wirtschaft gefördert werden müssen, wie auch das Lebenssimulationsspiel Sims 4, in dem man sein eigenes Haus gestaltet. Unravel umfasst verschiedene Rätsel, besonders zu Beginn ist es einfach zu spielen und wird mit höheren Levels immer anspruchsvoller – perfekt also für das ältere Publikum, das neu in der Welt der Videospiele ist. Wer auf einem Nintendo DS oder Switch spielt, mag auch in fortgeschrittenem Alter am bereits erwähnten Gehirn Jogging von Dr. Kawashima oder am schnellen Abenteuerspiel Super Mario Bros Gefallen finden.

Steffi Tufan
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