BODENHEIM/NIERSTEIN – Wer hat nicht die Bilder der Nacht vom 14. auf den 15. Juli vor Augen: kleine Flüsschen verwandeln sich zu reißenden Strömen, verwüsten Landschaften, vernichten Existenzen und stürzen Menschen in den Tod. Besonders betroffen: die Winzer des Ahrtals. Notwendig: Hilfsmaßnahmen und Unterstützung. Eine besonders hervorzuhebende Solidaritäts-Form entwickelte sich auf einem Niersteiner Weingut und setzte sich in einer der leerstehenden Bodenheimer Kuemmerling-Hallen fort.

Bereits einen Tag nach der Naturkatastrophe entwickelte Dirk Würtz, Geschäftsführer des Weinguts St Anthony in Nierstein die Idee, bundesweit VdP-Weingüter (Verband deutscher Prädikatsweingüter) um Spenden hochwertiger Prädikatsweine zu bitten. Daraus sollten Überraschungspakete à sechs Flaschen zusammengestellt und für 65 Euro zugunsten der Winzer an der Ahr verkauft werden. Die Umsetzung dieser Idee schlug wie eine Bombe ein. Weit mehr als 2.000 Winzer aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Südtirol und sogar aus Südafrika beteiligten sich. Palettenweise trafen über 200.000 Flaschen edelster Tropfen ein, und auf der anderen Seite über 30.000 Vorbestellungen spendenwilliger Kunden. Angesichts dieser unerwarteten Spendenresonanz war die Flächenkapazitäten von St. Anthony deutlich zu klein. Würtz wandte sich Hilfe suchend an Monika Reule, Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI) und an die Bodenheimer Gemeindespitze. Dank eines guten Drahtes zu Thomas Wirth, Geschäftsführer der Projekt2-GmbH und Miteigentümer der sogenannten „HELI“-Halle, erhielt Beigeordneter Thomas Glück eine umgehende Zusage für die Hallennutzung auf dem ehemaligen Kuemmerling-Gelände.

Palettenweise trafen Weinspenden aus Deutschland und aus Nachbarländern ein – Foto: Ulrich Nilles

Und dann ging es Schlag auf Schlag: Umzug der Weinpaletten nach Bodenheim, Rekrutierung von ehrenamtlich Helfenden, Organisieren von Verpflegungsspenden, Finden eines Caterers für die Verpflegung der Helfer. Vom 5. bis zum 8. August fertigten ca. 80 Ehrenamtliche von morgens bis abends täglich 5.000 Kisten ab, vom Falten der erforderlichen Kartonagen bis hin zum Etikettieren mit Versandaufklebern, je Person drei Handgriffe. Auch DWI-Chefin Monika Reule packte aktiv mit an, genauso wie Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner (CDU), die zwischen einem großen Versandunternehmen und dem Weingut einen großzügigen Preis vermittelte (www.byc.de, August5, 2021). Und am Freitag kam gar Ministerpräsidentin Malu Dreyer nach Bodenheim und suchte das Gespräch mit den Helfenden. Sie zeigte sich beeindruckt angesichts der großen Hilfsbereitschaft und vom rasanten Arbeitstempo in der „HELI“-Halle.

Die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Helfenden war überwältigend – Foto: Ulrich Nilles

„Um ein solches Arbeitspensum überhaupt abspulen zu können, war der Umzug von St. Anthony auf diese große Hallenfläche absolut notwendig“, resümierte Dirk Würtz, der zwischendurch immer wieder Anweisungen an die Packerinnen und Packer gab. Und der selbst mit anpackende Ortsbürgermeister Thomas Becker-Theilig stellte fest: „Ich bin überwältigt von der breiten und spontanen Unterstützung aller Beteiligten. Diese erlebte Solidarität, angefangen vom Hallenbesitzer, über die Helfer bis zu den Bodenheimer Caterern und unseren Einkaufsmärkten, die die Helfer versorgt haben, ist einfach beispiellos.“

Am Ende der Aktion „#solidAHRität – Von Winzern für Winzer“ wird ein millionenschwerer Betrag auf das Vereinskonto „Der Adler hilft e. V.“ eingegangen sein, der zu 100 % an die Winzer der Ahr geht.- Nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern es wird ganz gezielt in verloren gegangene Infrastruktur wie Abfüllanlagen, Geräte u. ä. finanziert.

Ulrich Nilles