HOCHHEIM – (red) Hintergrund des Vortrags von Elisabeth Bratsch bei der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim war der deutsch-französische Krieg 1870/71 und der aus diesem Anlaß 1876 am heutigen Geheimrat-Hummel-Platz errichtete Kriegerstein.Dort sind 50 Kriegsteilnehmer und 5 Gefallene eingemeißelt. Unter Ihnen auch Bernhard Walch, der 1907 – 1913 Hochheimer Bürgermeister war und auch ansonsten viel für die Stadt geleistet hat. Seine sehr persönlich gehaltenen und Tag für Tag aufgezeichneten Kriegserlebnisse waren so bedeutend und originell, dass sie – in rotes Leder gebunden – in Form einer Abschrift als Kriegstagebuch ins königliche Archiv aufgenommen wurden.
Im Zusammenhang mit der unter Federführung der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim im Jahr 2016 abgeschlossenen Restaurierung des Kriegersteins erinnerte man sich daran, dass über 10 Jahre zuvor Claudia Weltin der Stadt Hochheim Nachlassunterlagen von B. Walch übergeben hatte, bei denen sich jenes handgeschriebene Tagebuch im Original befand. Aus dem Tagebuch und zum periphären Kriegsgeschehen wusste Elisabeth Bratsch zu berichten:
Nachdem Frankreich Deutschland den Krieg erklärt hatte, meldete Bernhard Walch sich zum Dienst und wurde, da er von Beruf Bäcker war, als Assistent im Feldmagazin dem Feldbäckereiamt XI der 3. Armee für die Soldatenverpflegung zugeteilt. Vom ersten Tag an führte er ein Tagebuch und hat seine Erinnerungen niedergeschrieben. Schon im Vorwort bemerkt er, dass er nur interessante, wichtige und heitere Begebenheiten einträgt, denn „die schönen Stunden bleiben länger in Erinnerung als die Entbehrungen“.
Walch wäre gerne bei seinen Hochheimer Kameraden geblieben, wurde aber zum Proviantamt beordert. Am 24. Juli war in Kassel die Übergabe der Dienstpferde. Sein Pferd beschrieb Walch als jungen, aber kreuzlahmen „Chokoladenschimmel“. Mit der Armee und seinem „Schwarzen“ ging es nun Richtung Landau. Als in Germersheim der Kronprinz und Oberbefehlshaber Friedrich Wilhelm an ihm vorbeikam und er grüssen wollte, machte das Pferd nicht mit. Er notierte: “Ich saß auf meinem Schwarzen und wollte grüßen, konnte aber das Aas nicht herumbringen, um dem Übel abzuhelfen drehte ich mich um und grüßte. Der Kronprinz lachte und dankte freundlichst“.
Mit dem Proviantnachschub für das Heer hatte Walch sehr viel und mit hoher Verantwortung zu tun. Zum Beispiel unterschrieb er ein Certificat über einen ganzen Güterzug Nahrungsmittel, ein anders Mal mussten 124 Bauernwagen mit Speck, Reis, Kaffee und Hafer auf den Weg gebracht werden oder er musste Hafer und Heuballen in Empfang nehmen sowie tausende Brote ausgeben. Der Nachschub, der Transport und die Organisation waren oft mit großen Schwierigkeiten verbunden. Beispielsweise sonderten sich begleitende Bauern ab, gingen in ein Wirtshaus und betranken sich. Ein anderes Mal rannte ein Wagen an einer abschüssigen Stelle mit der Deichsel durch eine Hauswand. Sie warf den Tisch mit dem darauf sitzenden Schneider um.
In Weissenburg dann bot sich Walch ein schreckliches Bild von vielen Verletzten. Er hatte aber keine Zeit zum Überlegen, die Armee musste gleich wieder weiter. Unterweges mußte immer wieder Proviant aufgenommen werden. Für Walch wurde es immer schwieriger, genug Proviant zu bekommen. So kam es auch einmal vor, dass er in einem Ort nur ungedroschenen Hafer vorfand. Der Bürgermeister meinte, die Dreschmaschinen seien unbrauchbar. Nach Drohungen, die Dorfbewohner müßten die ganze Nacht dreschen, waren die Maschinen wundersam schnell wieder repariert.
All seine Erlebnisse und Begegnungen beschreibt er sehr anschaulich und erwähnt besonders, dass er den gefangenen Napoleon III mit seinen Generälen sah, ebenso wie Graf Otto von Bismarck, Kriegsminister von Roon oder General von Moltke. Auch seine öfteren Begegnungen mit Hochheimer Kameraden, denen er gelegentlich Sonderrationen zukommen ließ, sind festgehalten.
In diesem Tagebuch findet man auch den wichtigsten Tag dieses Krieges, die Beschreibung der gewonnen Schlacht bei Sedan. Es waren für die französische sowie für die deutsche Seite sehr viele Verluste zu verzeichnen.
Nach der gewonnen Schlacht von Sedan marschierte die 3. Armee in Richtung Paris. Dort lagerte sie von Sept. 1870 bis Jan. 1871. Am 18. Jan 1871 erfolgte im großen Spiegelsaal des Schlosses von Versailles die Proklamation König Wilhelm I. zum Kaiser. Sämtliche siegreichen Truppen um Paris waren mit Fahnen zugegen. König Wilhelm von Preußen kehrte im Triumphzug als Kaiser nach Deutschland zurück.
Am 26. Februar wurde ein vorläufiger Friedensvertrag unterzeichnet. Unter dem Kommando des Kronprinzen marschierten Paradetruppen und zahlreiches Gefolge durch den Triumphbogen in Paris ein. Elsass-Lothringen kam zu Deutschland und Frankreich musste eine hohe Kriegsentschädigung zahlen. Anfang Mai wurde dann der Friedensvertrag in Frankfurt unterzeichnet. Walch kehrte, wie seine Kameraden, im Juni wieder in die Heimat zurück.
Zum Abschluß wurden noch einige Bilder von ehemaligen Veteranen gezeigt, die von Hochheimer Familien, deren Vorfahren an diesem Krieg teilgenommen hatten, zur Verfügung gestellt worden waren.
Mit viel Applaus der zahlreichen Zuhörer für diesen hervorragenden Vortrag und die enormen Recherchen wurde Elisabeth Bratsch verabschiedet.

Arbeitsgemeinsachaft Alt-Hochheim