Mainz-Kastel. Für eine stabile Straßenbrücke wurden erstmals 1873 Pläne ausgearbeitet. Dennoch ruhten diese Überlegungen anschließend noch viele Jahre.
Nach Auflösung des Kurstaates im Jahre 1803 kam 1816 Rheinhessen in den Besitz Hessens. Diese Tatsache und elementare Ereignisse des harten Winters 1880/1881 drängten endlich die maßgebenden Behörden, den Bau der Straßenbrücke zu befürworten. Die hessische Regierung machte daraufhin der Kammer die betreffenden Vorlagen. Trotz erheblicher Widerstände aus den oberhessischen Kreisen, die Mainz damals missgünstig gesinnt waren, wurde der Bau von den Ständen genehmigt. Eine Ausschreibung für das Brückenprojekt erfolgte. Die Mainzer Straßenbrücke sollte die erste Rheinbrücke werden, die für den allgemeinen Verkehr erbaut wurde. Im November 1882 nahm der Bau der Strompfeiler seinen Anfang. Sie war das Werk des bedeutenden Architekten des Wilhelminischen Zeitalters, Friedrich von Thiersch, München und war in der damaligen Zeit eines der herausragenden Bauwerke. Die Architektur der Brücke wurde entsprechend dem mittelalterlichen Charakter der Städte angepasst. Durch das Zusammenwirken der Stahlkonstruktionen, fünf Bogenträger, dem Geländer, Pylonen und Brückenhäusern entstand so ein einheitlich künstlerischer Eindruck.
Militärische Gesichtspunkte drängten damals die verkehrstechnischen Anforderungen in den Hintergrund. Diese Überlegungen gingen sogar so weit, dass man der Umwallung des Kastler Brückenkopfes aus Sicherheitsgründen den Vorzug gab und die Brücke genau in eine strategische Umwehrung hineinführte. Im Sommer 1883 wurde nach der Fertigstellung der Pfeiler die genietete Eisenkonstruktion eingefahren. Die Bogen ruhten auf vier Strom- und zwei Eckpfeilern, den sogenannten Caponiere-Pfeilern, die ursprünglich als Kasematten zur Aufnahme von je sechs Geschützen gedacht waren. Noch heute zeugen die Schiessscharten davon.
Am 30.Mai 1885 erfolgt durch Großherzog Ludwig IV. von Hessen die feierliche Einweihung der Straßenbrücke. Im Treppenaufgang in Mainz wurde eine Platte mit der Inschrift angebracht: „Erbaut unter Großherzog Ludwig IV. in den Jahren 1882/85“. Ein großes Brückenfest wurde veranstaltet. Die Verlesung der Bauurkunde erfolgte in Anwesenheit des Großherzogs und wurde nach drei Hammerschlägen durch den Landesfürsten in den Schlussstein versenkt. Bei Abbruch der Freitreppe, anlässlich des Erweiterungsbaues, wurde sie im November 1934 gefunden.
Bei der Einweihung 1885 stürmte eine große Menschenmenge über die mit Fahnen und vielen Gaslampen erleuchtete Brücke. Ein großes Feuerwerk wurde von einem Rheindampfer aus abgebrannt. Für diesen Tag wurde kein Brückengeld erhoben. Der Staat Hessen war nicht bereit, die Bausumme von 6,6 Millionen Mark für die Brücke ganz allein zu tragen. Der Brückenzoll wurde für Personen und für Frachtverkehr erhoben.
Nach der Eingemeindung des rechtsrheinischen Kastel in die linksrheinische Stadt Mainz am 1. April 1908 beklagten sich die Bürger, dass zwei Stadtteile durch Zollschranken voneinander getrennt seien. 1910 begannen die Verhandlungen zwischen Mainz und der hessischen Landesregierung mit dem Ziel, den Brückenzoll endlich aufzuheben. Befreit waren damals lediglich Schulbesucher und Lehrlinge.
Jede gehende, reitende oder fahrende Person, mit Ausnahme von Kindern unter 6 Jahren und der Fuhrleute, hatten vier Pfennige zu entrichten. Unterschiede machte man im Preis für Tiere, die die Brücke passierten. Ein Pferd, Maultier oder Ochse kostete zehn, eine Kuh, Rind oder Esel dagegen nur sechs Pfennige Brückenzoll. Für einen Pfennig pro Tier durfte man Kälber, Schafe, Schweine und Ziegen über die Brücke treiben. Für Tiere, die getragen wurden, erhoben die Brückenwächter keine Gebühren.
Bei Benutzung der Pferdebahn und später der „Elektrischen-Straßenbahn“ musste man fünf Pfennige Brückengeld zahlen. Da sich seinerzeit die jährlichen Einnahmen der Stadt Mainz auf rund 17 000,00 Mark beliefen, wollte man auf das Brückengeld nicht verzichten. Auch vom Vorschlag, von den Gemeinden, deren Bürger vorwiegend die Brücke benutzten, eine Pauschale zu erheben, hatte man Abstand genommen. Die Zollbeamten logierten in sogenannten Octroihäuschen an den Brückenköpfen, die dem Bauwerk ihr unverwechselbares Aussehen gaben.
Am 1. April 1912 war es dann soweit. In der Nacht vom 31. März auf den 1. April schloss der Brückengeldeinnehmer Majewski die Schalter an den Einnehmerhäuschen. Ein denkwürdiger Tag, an dem es auf die Brückengeldkarte einen Sonderstempel gab! 1932 wurden die Brückenhäuschen abgerissen. Grund: die Brücke sollte verbreitert werden und da waren die Häuschen im Weg.
Im März 1945 fiel die Brücke den Kriegsgeschehen zum Opfer. Die mittleren drei Brückenbögen wurden durch die deutsche Wehrmacht gesprengt. Man wollte den Alliierten den Weg auf das rechte Rheinufer erschweren. Mit dem Wiederaufbau wurden die Firmen Grün und Bilfinger, Mannheim sowie die MAN-Werke Gustavsburg beauftragt.
Am 18. April 1950 wurde die Straßenbrücke, in Anwesenheit des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, dem Verkehr übergeben. Es sollten aber noch viele Jahre vergehen, bis die Brücke ihren heutigen Namen bekam.
Durch den starken Verkehr war eine weitere Renovierung notwendig. Die Baudurchführung wurde in drei Bauabschnitten ausgeführt, um den Verkehrsfluss aufrechtzuerhalten. Die Arbeiten begannen im September 1991. Vielen noch in Erinnerung als man mit dem Auto in Schräglage die Brücke befuhr. Die Renovierungsarbeiten wurden im Herbst 1994 für 140 Millionen DM abgeschlossen. Am 18.Juli 1995 wurde mit einem Brückenfest rechts und links des Rheins der Abschluss der Arbeiten gefeiert. Der Rheinübergang ist mit der heutigen Theodor-Heuss-Brücke ein richtiges Schmuckstück, auf das Mainzer und Wiesbadener stolz sein können und die Kastler erst recht.

Klaus Lehne