KASTEL – Die Gesellschaft für Heimatgeschichte Kastel lug am 08. September zur leidvollen Gedenkfeier, in dem Kastel zur Kraterlandschaft vor 75 Jahren wurde, in ihr Museum ein.
334 Bomber – B17 – der achten amerikanischen Luftflotten, fliegende Festungen genannt, vernichteten Kastel mit 2330 Sprengbomben. Eine Sturzflut aus Phosphor und Feuer ging auf den Stadtkern von Kastel nieder, die das Herz dieser Gemeinde in 34 Minuten zu 90% zerstörte. Ziel war eigentlich das Heeresdepot, als eine der wichtigsten Nachschubbasen der Deutschen Wehrmacht, ein Gebiet entlang der Witz, der Steinern Straße, der heutigen Ludwig Wolker-Straße, bis heute zur Boelckestraße. Ein starker Nord-Ost-Wind hatte die vernichtenden Bomben direkt auf Kastel getragen. Bei dem brennenden Inferno starben 300 Menschen, 46 vermisste wurden registriert. Meist Frauen und Kinder waren nach dem schrecklichen Angriff zu beklagen und in der angrenzenden Kostheimer Siedlung sollen es 115 Tote gewesen sein. Zerbombte Häuser mit leeren Fensterhöhlen und bedrohlich zum Himmel auftragendem Mauer- und Eisenwerk, Trümmerberge in Straßen und Gassen, mit den ersten Trampelpfaden zur Suche nach Toten und Verletzten, die eventuell in den Luftschutzkellern überlebt haben könnten. Wer sich nicht sofort entschloss nach der Entwarnung in den Straßen Kastels einen Fluchtweg durch Brände zu suchen, war einem qualvollen Tot durch Sauerstoffmangel ausgeliefert. Wo noch ein Zugang zur Rettung möglich war, stürzten oft im nächsten Augenblick weitere Mauerreste ein und ließen manche Hoffnung schwinden. In den Luftschutzbunkern erstickten auch die Menschen, wenn sie nicht gleich in den Bombentrichtern ihr Grab fanden, erinnert sich mit Grauen noch der Zeitzeuge Ottfried Müller, Jahrgang 1931.
Um den Besuchern von dem Tot bringenden Potenzial zu vermitteln, hatte die GHK mehrere zweiundhalb – und zweizentner-Bomben aus jenen Tagen, sowie Brandbomben ins Museum ausgestellt. Neben umfangreichem Bildmaterial, NS-Propaganda-Plakate, Requisiten des Luftkrieges und viel Dokumentarisches über die Abläufe, bzw. Ereignisse konnte der stellv. GHK-Vorsitzende Peter Muttke akribisch überarbeiten auch durch neue wissenswerte Tafeln ergänzen, wies mit Dank und Anerkennung der GHK-Vorsitzende Karl-Heinz Kues hin.

Foto: Stefan Grundel

Zu der Ausstellung zum Jahrestag, die von den Bürgern stark beachtet wurde, waren auch vertreten: Wiesbadener Stadtverordnetenvorsteherin und Kasteler Ortsvorsteherin Christa Gabriel, die Oberbürgermeister der Landeshauptstädte Mainz Michael Ebling – aus Wiesbaden – Gert-Uwe Mende, die AKK-Beauftragten von Mainz und Wiesbaden Horst Maus und Stadtrat Rainer Schuster, Vertreter des Ortsbeirates Kastel, Leiterin der Verwaltungsstelle Kastel-Kostheim Petra Seib, die Vorsitzenden der Vereinsringe Kastel und Kostheim Josef Kübler und Annegret Kracht, sowie zahlreiche Vereinsrepräsentanten. In einer bewegenden Gedenkrede stellte Christa Gabriel hervor bei diesem traurigen Jubiläum inne zu halten, zu trauern und zu gedenken. – „Nur dadurch könne man sich bewusst werden, dass wir Deutschen das Glück hatten die vergangenen Jahrzehnte in Frieden und Sicherheit leben zu dürfen. Erinnerung verblasst. – Zeitzeugen werden immer weniger. Es darf aber nicht dazu führen, dass die Erinnerung an die Schrecken von damals ganz verloren gehen. Denn das was geschah, war entsetzlich und darf nie wieder geschehen. An die Schrecken von damals zu erinnern, Gedenktage zu begehen, ist deshalb unerlässlich.“ Der Dank galt dazu den Verantwortlichen der Gesellschaft für Heimat-Geschichte für ihre unverzichtbaren Initiativen. Gabriel wies auch auf die globalen Konflikte hin, als Folge von Kriegsflüchtlingen. „Im Umgang mit ihnen zeigt es sich ob wir unsere Verantwortung von der Geschichte und unsere moralischen Verpflichtung zum humanitären Handeln ernst zu nehmen“, gehörte zu ihrer Aufforderung. Mit Nachdruck wies Christa Gabriel hin: „Kein Raum dürfen bekommen, Hassprediger, die ihre Religion missbrauchen, genauso wie Demagogen und Schreihälse, die unsere Gesellschaft spalten wollen.“ Man soll für ein friedliches Zusammenleben eintreten. Das Gedenken an die Zerstörung Kastel sollte dazu ein Schritt auf diesem Weg sein, galt ihr Appell. Der Mainzer OB Michael Ebling wies hin: „Nur wer sich erinnert, kann gedenken – und will nicht vergessen. Man kann aus der Vergangenheit lernen und dann die wichtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen.“
Der Dank galt auch an die GHK für diesen Moment der Erinnerung, der zugleich auch Mahnung sein soll. Der Wiesbadener OB Gert-Uwe Mende resümierte mahnend: „Meine Eltern und meine Großeltern konnten noch von den Schrecken des Krieges aus eigener Erfahrung berichten. Ich kann meinen Kindern nur noch erzählen, was mir erzählt wurde. Aber was werden unsere Kinder einmal ihren Nachkommen berichten können? Erinnerungskultur sollte ein zentrales Thema für unsere historische und politische Bildung sein. Deshalb sind Gedenktage und eine Ausstellung wie die über die Zerstörung von Kastel so wichtig und unverzichtbar.“ – Lob dazu galt auch der GHK vom OB. Am Gedenktag wurden Kranzniederlegungen durch den Kasteler Ortsbeirat, der beiden Landeshauptstädte, des VdK und der GHK auf dem Kasteler Ehrenfriedhof der Bombenopfer vorgenommen. Ebenfalls fand in der St. Georgs Kirche noch eine ökumenische Andacht statt. Bis einschließlich 17 November haben Interessenten die Möglichkeit Berichte und Bilder über die Luftangriffe und Folgen des 8. September 1944 im Museum Castellum der GHK anzusehen.

Herbert Fostel