HATTERSHEIM – Die Stadt Hattersheim wächst und wächst und wächst. Jetzt zimmern sich – überraschend und ohne behördliches Zutun – einige Neubürger am Schwarzbach im Bereich des Okrifteler Wehrs ein neues Zuhause:  Biber !

Das ist erst der Beginn: Die Rinde wird zunächst nur oberflächlich abgeschält – Foto: Bernd Zürn

„Das musst du dir unbedingt mal anschauen!“, forderte der Okrifteler Naturschützer Willi Reinhart seinen Weilbacher Mitstreiter Bernd Zürn am vergangenen Sonntag telefonisch auf. „Ich glaube“,  so seine Begründung, „wir haben hier am Schwarzbach tatsächlich Biber“.

Willi Reinhart hatte Recht. Schon nach kurzer Besichtigung von drei ‚Tatorten‘ stand für Zürn fest: Das größte Nagetier Europas – der europäische Biber – war hier am Werk. Mit seinen sich beim Benagen der Bäume ständig selbstschärfenden großen Schneidezähnen hatte ein Exemplar des castor fiber, so der wissenschaftliche Name des Bibers, an mindestens vier Bäumen die Rinde deutlich sichtbar abgenagt und einen kleineren Baum sogar völlig gefällt. Als reiner Vegetarier ernährt er sich in dieser Jahreszeit überwiegend von Baumrinden. Um auch an Rinde in größerer Höhe zu kommen benagt er die Bäume an ihrem Fuß so lange, bis sie umfallen. Das geschieht in der typischen „Sanduhr-Technik“, also kegelförmig. Er bevorzugt Weichhölzer wie Weiden und Pappeln mit bis zu 20 cm Durchmesser. Angeblich soll er auch schon mal Bäume bis zu einem Meter Durchmesser geschafft haben.

Da der Biber keinen Winterschlaf hält muss er auch in der kalten Jahreszeit fressen. Mais, Zuckerrüben und schmackhafte junge Triebe – seine Lieblingsspeisen – stehen jetzt nicht zur Verfügung. Da begnügt er sich zwangsläufig mit Baumrinden.

Bernd Zürn beobachtet die Nagespuren kurz oberhalb des Wasserspiegels
des Schwarzbachs – Foto: Antje Krieger

Trotz seiner beachtlichen Länge von bis zu 100 Zentimetern, einem Gewicht von 18 bis 30 Kilogramm und seinen mehrere Zentimeter langen scharfen Nagezähne stellt er keine Gefahr für uns Menschen dar. Zum einen ist er mit seinen kleinen Beinchen zu Lande sehr langsam, zum zweiten zeigt er als Vegetarier kein Interesse an uns Zweibeinern. Hinzu kommt, dass er nachtaktiv ist und erst dann zum Vorschein kommt, wenn wir kaum noch unterwegs sind.

Im Januar und Februar ist die Zeit der Begattung. Die zwei bis vier Junge, die aus einer solchen monogamen Beziehung entstehen, bleiben lange in der elterlichen Behausung, der sogenannten Burg. Dort werden sie von den Eltern und ihren älteren Geschwistern versorgt. Dennoch sterben mehr als die Hälfte von ihnen im ersten Lebensjahr. Im Alter von zwei Jahren werden sie von ihren Eltern ‚Vor die Tür‘ gesetzt. Auf der Suche nach einem eigenen Revier wandern sie im Schnitt 25 Kilometer an ihrem Geburtsgewässer entlang, in Extremfällen auch schon mal 100 Kilometer. Dort beanspruchen sie einen Uferstreifen von 2 – 3 Kilometer als ihren neuen Lebensraum.

Im Oktober 2016 entdeckte die Eddersheimerin Christine Dörr am dortigen Mainufer Biber-Fraßspuren. Am letzten Tag des Jahres 2016 fand Bernd Zürn rund 200 Meter unterhalb der Opel-brücke auf der Flörsheimer Seite zwei angenagte Bäume. Am 6. Januar 2017 gelang dem Eddersheimer Urs Höhne nachts gegen 2:45 Uhr, einen nagenden Biber am dortigen Mainufer zu fotografieren. Knapp zwei Wochen danach wurden zwei Biber auf der Eddersheimer Schleuseninsel von einer automatischen Wildtierkamera gefilmt. Wegen ihrer unterschiedlichen Größen dürfte es sich um ein Alttier mit seinem Jungen gehandelt haben.

Für den größten Teil des Jahres 2016 und für 2017, 2018 und 2019 sind Bernd Zürn keine Funde in unserem Gebiet bekannt. Woher die neuen Schwarzbachbewohner in Okriftel kommen weiß noch niemand. Auch nicht, ob sie dort auf Dauer bleiben werden..

Biber sind ausgezeichnete Schwimmer. Sie halten sich auch in der jetzigen kalten Jahreszeit im und unter Wasser auf. Im Extremfall können sie bis zu 20 Minuten tauchen. Dass sie dabei nicht frieren verdanken sie ihrem extrem dichten Fell. Mit rund 230 Haaren pro Quadratmillimeter ist ihre Haardichte mehr als 40 mal so hoch wie die von uns Menschen.

Bernd Zürn