von Alexander van de Loo

KRIFTEL – Es herrscht Ausnahmesituation. Seit über drei Wochen erleben wir aktuell einen radikalen Rollenwechsel. Eltern sitzen im Homeoffice, müssen Lehrer, Ratgeber und belastbar zugleich sein. Ihre Kinder haben keine Schule, kein Treffen mit Freunden, kein Sport im Verein. Dafür gibt es einen hohen Belastungsfaktor, der sich aus der neuen Mischung aus Nähe in der Familie und Distanz zur Schule ergibt. Für Deutschlands Schüler ist das der Alltag in der Corona-Krise.

Sie dürfen nicht mehr in die Schule kommen, sondern die Schule kommt zu ihnen. Ihre Lehrerinnen und Lehrer nutzen alle möglichen Postfächer und Plattformen, um den Lernstoff zu verteilen. Sie kommunizieren per Mail oder Whatsapp, auf sozialen Netzwerken und digitalen Plattformen, per Brief und Telefon. Unsere vertrauten Strukturen haben sich über Nacht radikal verändert.

Das zu koordinieren ist schwer und verlangt allen viel ab. In dieser Ausnahmesituation wollten wir von Weingartenschülern erfahren, wie sie diese ungewöhnliche Zeit erleben. Einige von Ihnen haben erzählt, wie sie zurechtkommen,  was sie vermissen und wie sie ihren Tagesablauf strukturieren.

Luna (G5a), 11 Jahre alt

„Nehme die Situation sehr ernst“

„Ich glaube, jeder hat sich in diesem Moment gefreut, dass er nicht zur Schule gehen muss, ich mich auch, bis ich gemerkt habe, dass es Zuhause viel anstrengender ist als gedacht!

Meine Mutter hat mir so eine Art Stundenplan geschrieben, an dem ich jeden Tag etwas für die Schule mache. Ich mache jeden Tag etwas für die jeweiligen Fächer, wie in meinem normalen Stundenplan. Natürlich nicht so lange wie in der Schule, meistens arbeite ich 2 bis 4 Stunden an meinen Aufgaben. Das selbständige Arbeiten und Lernen funktionieren ganz gut, es ist nur sehr komisch, neue Themen zuhause anzufangen und nicht in der Schule!

Ich nehme die ganze Situation sehr ernst. Wir müssen alle als Team zusammenhalten! Man sollte sich nicht mehr in Gruppen treffen, so macht es die ganze Situation noch viel schlimmer! Es ist sehr komisch und für alle eine sehr schwierige Situation. Ich hoffe, dass die Schule nach den Osterferien wieder geöffnet wird!“

Kaya (G6a), 12 Jahre alt

„Habe Angst um meine Familie“

„Eigentlich komme ich ganz gut klar, aber ich vermisse meine Freunde und manchmal auch die Schulzeit. Ich habe aber auch Angst um meine Familie. Das Ausschlafen und das lange Aufbleiben finde ich zwar cool, dennoch würde ich lieber in die Schule gehen und die Zeit mit meinen Freunden verbringen. So ist es aber am besten, denn nur wenn wir zu Hause bleiben, können wir das Virus eindämmen. Meine Eltern unterstützen mich bei den Aufgaben und lenken mich ab, da ich mir schon zeitweise Gedanken mache, wie sich die Situation mit dem Virus auf der Welt entwickeln wird. Jeden Sonntag bekommen wir die Aufgaben der nächsten Woche, diese druckt mein Vater dann am Montagmorgen aus.

Nachdem ich bis halb zehn geschlafen und danach gefrühstückt habe, überlege ich mir, welche Aufgaben ich wann erledige. Mit den Aufgaben komme ich eigentlich ganz gut zurecht. Ich finde es ganz gut, dass wir diese bekommen, denn sonst würden wir alles vergessen, was wir in der Schule gelernt haben. Wenn diese Krise vorbei ist, dann hoffe ich, alle gesund und fit wieder in der Schule zu sehen.“

Lilian (G6b), 12 Jahre alt

„Videochatten hilft“

„Meine Mutter musste wegen meiner Schwester und mir ins Homeoffice gehen. Damit sie arbeiten kann, muss ich mich um meine Schwester und um die Haustiere kümmern. Mit den Aufgaben, die wir allein machen müssen, komme ich eigentlich klar. Was mich persönlich stört, ist, dass ich ausgerechnet jetzt Geburtstag haben musste. Ich habe also keine Geburtstagsparty, die ich mit meinen Freundinnen feiern kann. Meine Freundinnen fehlen mir am meisten, und deswegen wünschte ich manchmal, dass wir doch in die Schule gehen könnten. Aber wir haben eine Lösung für dieses Problem: wir Videochatten. Ich bin froh, dass wir wenigstens noch nach draußen gehen dürfen, weil 24 Stunden zuhause, würde ich nicht aushalten. Ich hoffe, die Schule ist bald wieder geöffnet.“

Ole (G6b), 12 Jahre alt

„Musik hebt die Stimmung“

„Am ersten schulfreien Tag merkte ich sofort, dass das etwas ganz anderes war. So ganz ohne Lehrer, die einem etwas direkt erklären können, hatte ich das Gefühl, viel mehr als sonst arbeiten zu müssen. Da waren nur noch die Eltern, wobei ich Glück habe, dass sie mich gut unterstützen.

Am ersten Tag war das Leben ohne Schule noch ganz cool, aber dann bereits ab dem zweiten Tag trat Langeweile ein, da man immer das Gleiche zu tun hatte. Morgens arbeiten, mittags essen, nachmittags im Garten spielen, auf der ‚Playsi zocken‘ und abends essen und fernsehen. Für uns alle in der Familie war die neue Situation nicht einfach. Manchmal nerven mich meine kleinen Schwestern, sie kommen dann in mein Zimmer und provozieren mich. Auch mein Vater ist gestresst, weil er viele Videokonferenzen hat, und meine Mutter arbeitet in der Apotheke und ist wegen der vielen Kunden sehr angespannt.

Zum Glück habe ich die Musik, denn mit meinem Schlagzeug und meinem Klavier bringe ich Abwechslung in meinen Alltag. Es ist zwar eine schwierige Zeit, aber die Musik  hebt auch meistens die Stimmung – bei mir und auch bei meiner Familie.“

Vanessa (R6b), 12 Jahre alt

„Turne jetzt im Garten“

„Das Leben ohne Schule ist sehr langweilig, weil man in der Schule seine Freunde sieht und jetzt sehe ich meine Freunde gar nicht mehr. Meinen Tag gestalte ich so, dass ich mir morgens eine Liste schreibe, was ich am Tag alles so erledigen möchte. Das Arbeiten und Lernen klappen gut, aber letztens habe ich eine Aufgabe nicht verstanden und ich musste meine Mama fragen, aber sie hat mir dann helfen können. In meiner Freizeit turne ich im Garten oder tanze, da ich leider kein Training habe.

In meiner Familie klappt es gut, aber ich finde es schade, dass ich meine Großeltern nicht mehr besuchen darf. Ich komme gut zurecht damit, mir meinen Tag zu gestalten und meine Hausaufgaben immer zu erledigen. Was mir schwer fällt, ist, wenn ich eine Frage habe, dass ich nicht meine Lehrer und Lehrerinnen fragen kann.“

Ruth (R6c), 12 Jahre alt

„Die Selbstständigkeit wächst“

„Die ersten beiden Wochen von der Homeschool sind sehr anstrengend, da man keine direkten Fragen zu dem Thema stellen kann. Ich komme trotzdem gut mit den Themen zurecht. Es fällt mir leicht, mich zu konzentrieren, da ich feste Zeiten zum Lernen habe. Pausen mache ich aber trotzdem. Sehr schade finde ich aber, dass ich meine Freunde nicht treffen kann. Aber ich telefoniere und schreibe mit ihnen.

Meine Erfahrungen bis jetzt mit der Homeschool:

– Es ist anstrengend, da man, wenn man die Aufgabenstellung nicht versteht, keinen hat, der einem dabei helfen kann.

– Es ist gut, da wir Kinder dadurch selbständiger werden können.

– Es ist problematisch, dem Lehrer direkt irgendwelche Fragen zum Thema zu stellen.

– Es ist wichtig, seine Aufgaben gut einzuteilen und der Reihe nach zu beantworten.“

 Paul (G7A), 14 Jahre alt

„Der Verein fehlt“

Ich habe mir meine Aufgaben so aufgeteilt, dass ich jeden Tag etwas mache. Eigentlich komme ich gut zurecht. Es ist nur etwas anders, nicht in der Schule zu sein, weil man nicht fragen kann, wenn man was nicht versteht. Ich finde es auch nicht so günstig, dass ich mich nicht mit Freunden treffen kann. Es stehen ja bald auch die Ferien an, und es ist schade, wenn man nichts machen kann. Mit meiner Familie wollten wir eigentlich an die Ostsee fahren, aber jetzt können wir es vergessen. Es ist auch irgendwie merkwürdig, dass man nicht zur Schule muss, obwohl es eigentlich Schulzeit ist und keine Ferien sind. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen, aber besonders fehlt mir Sport, z.B. spiele ich im Verein Handball.“

Sintje (G7b), 13 Jahre alt

„Teile Ängste und Gedanken“

„Für mich beginnt jeden Morgen um 8.15 Uhr der neue Alltag. Ich stehe auf, frühstücke und setze mich um 9 Uhr an den Schreibtisch. Ich lerne meistens zwei bis drei Stunden am Stück. Anschließend esse ich zu Mittag und lerne dann wieder für die Schule. Gegen 15 Uhr habe ich dann meistens Freizeit und muss mich nicht mehr mit der Schule befassen.

Meine Eltern und meine Geschwister unterstützen mich in meinem Alltag und in all den anderen Aktivitäten, für die ich mich interessiere. Wir teilen Gefühle, Ängste und Gedanken miteinander und haben ein sehr starkes und bleibendes Verhältnis.

Ich selbst bin mit der Situation und der Umstellung in der Corona Zeit nicht überfordert. Ich komme gut zurecht. Es gibt in der Zeit viele Umstellungen und Veränderungen, aber ich glaube, dass jeder seinen Weg findet, wenn er sein Ziel fest im Blick behält.“

Lara (R7A) und Emma (R7C), 13 Jahre alt

„Ganz schön langweilig“

„Wir finden das Leben ohne Schule eigentlich ganz cool, aber jetzt wo wir es selbst erleben, ist es auch ganz schön langweilig, den ganzen Tag ohne Klassenkameraden und Freunde. An die neue Art zu lernen, müssen wir uns erst noch gewöhnen. Weil es in der ersten Woche noch nicht so gut geklappt hat und wir deshalb am letzten Wochenende noch ganz viel nacharbeiten mussten, stehen wir diese Woche freiwillig so früh auf, als wäre Schule. Das selbstständige Arbeiten und Lernen klappt nicht immer ganz so gut, weil wir zwei, wenn wir alleine zu Hause sind, auch ganz schön viel Quatsch machen und uns leicht vom Fernseher und Handy ablenken lassen, weil uns das natürlich mehr Spaß macht. Deshalb gibt’s nachmittags leider auch öfter Ärger, wenn Mama nach Hause kommt..

Wir haben auch schon an ein paar Tagen, wenn Mama gestresst und genervt aus der Klinik von der Arbeit gekommen ist, als Überraschung was Leckeres zu Essen gemacht. Kochen macht eigentlich richtig Spaß. Unser Papa bleibt morgens extra etwas länger da, um uns die Hausaufgaben zu erklären, wenn wir Hilfe brauchen. Wir hoffen, dass wir alle gesund bleiben und Mama nicht bald auf der Arbeit schlafen muss, so wie es in Italien ist.“

 Leonie (G9c), 14 Jahre alt

„Habe gefühlt jetzt mehr zu tun“

„Meiner Familie und mir geht es soweit gut. Ich versuche meinen Tag strukturiert zu halten: Ich stehe um 8 Uhr auf, schaffe es aber meistens nicht vor 10 Uhr an meine Hausaufgaben. Ich finde es zwar gut, dass ich jetzt selbst entscheiden kann, wann ich aufstehe, aber gefühlt habe ich in manchen Fächern mehr zu tun, als wir sonst im Unterricht gemacht hätten. Das selbständige Arbeiten klappt bis jetzt gut. In meiner Freizeit habe ich einen Apfelkuchen und einen Hefezopf gebacken, mache Sachen im Haushalt und bin viel am Handy. Für mich hat sich verändert, dass ich zurzeit kein Hobby treibe und mich nicht mit Freunden verabreden kann, um zum Beispiel rauszugehen, da vieles wegen des Corona-Virus nicht stattfinden kann.“

Nadine (G10a), 16 Jahre alt

„Noch nach 20 Jahre unvergesslich“

Aus allen Radiosendern hört man Tipps, wie man sich am besten alles einteilen soll, mit geregelten Tagesabläufen und so. Ich finde es schon traurig, dass wir alle unsere Sprachfahrten nicht machen können. Ich persönlich habe mich nämlich schon sehr auf die Fahrt mit der Lateingruppe nach Rom gefreut. Auch finde ich es schade, dass unser Abschlussball nicht stattfinden kann und er genauso wie unsere Fahrt in den Europapark abgesagt werden musste. Eigentlich sollte dieses Schuljahr das beste von allen werden. Es ist auf jeden Fall eines, an das ich mich auch in 20 Jahren noch erinnern werde. Für mich persönlich ist diese Zeit viel schwieriger, als die normale Schulzeit. Denn ich bin ein Mensch, der wenn er dem Unterricht folgt, viel mehr lernt, als wenn er versucht, es sich selber beizubringen. Ich lerne, indem ich zuhöre. Zuhause finde ich es schwer, mich zu konzentrieren, wenn mein kleiner Halbbruder zu mir kommt und mich fragt, ‚Können wir was spielen, mir ist so langweilig…‘, während ich gerade Ciceros philosophische Texte übersetze.“

Dana (G10b), 16 Jahre alt

„Ins kalte Wasser geworfen“

„Auf einmal hat sich das Leben von Millionen Menschen schlagartig geändert. Covid-19 oder auch Corona war da. Das hat natürliche drastische Maßnahmen gefordert. Eine der ersten großen Veränderungen war auf jeden Fall, dass die Schulen geschlossen wurden. Von einen auf den anderen Tag wurden wir ins kalte Wasser geworfen. Wir mussten uns von da an vieles selbst beibringen. Ich bin ganz ehrlich. Die Motivation aufzubringen, sich selbständig hinzusetzen und zu arbeiten, fehlt manchmal. Der Alltag hat sich natürlich extrem gewandelt. Ich versuche trotzdem eine neue Routine zu erschaffen. Morgens trotz allem früh aufzustehen, dann esse ich meist etwas und danach skype ich mit meiner Freundin, während wir unsere Schulaufgaben gemeinsam erledigen. Es hilft mir total, das Gefühl zu haben, dass jemand auch an den Schulaufgaben sitzt, man sich austauschen kann und dass man ein bisschen das Gefühl bekommt, als würde man im Klassenraum sitzen.“

WGS Schulleitung

„WGS – Wir Gemeinsam Stark“ – die Schulleitung macht den Schülern der Weingartenschule Mut. Foto: WGS