KRIFTEL – Es ist fast Ironie des Schicksals zu nennen, dass es in den letzten Wochen so viel geregnet hat. Glaubt man den Wetterprognosen, wird es demnächst weiter so gehen. Aber für drei der vier Schwedischen Mehlbeeren, die in Kriftel auf dem Platz „An der Landwehr“ standen, bringt der Regen leider keinen Segen mehr. Sie sind in den letzten drei Dürresommern schlichtweg verdurstet. Also musste im Auftrag der Gemeinde die Motorsäge ran.

Des einen Tod ist des anderen Brot: Die Anwohner Ute und Volker Kiene, Helen und Ingo Wendel, Martina Hannig und Jochen Becker fragten die Gemeinde, ob auf sie eigene Kosten anstelle der drei Bäume kurzfristig hochwachsende Sträucher anpflanzen könnten. Dem wurde von offizieller Seite zugestimmt. Der Erste Beigeordnete Franz Jirasek zeigte sich hocherfreut über die Initiative.

Damit das Anpflanzen überhaupt möglich wurde, hat die Gemeinde die drei Bäume durch einen Gartenbaubetrieb nicht nur ebenerdig absägen, sondern die Stubben ausfräsen und das Loch mit Mutterboden verfüllen lassen. Dann wurden tatkräftig anstelle der Bäume – mit dem schönen lateinischen Namen Sorbus intermedia – ein blauer Flieder, ein Sommerflieder und ein Hartriegel eingepflanzt. Dazu kamen oberhalb des Platzes am Limburger Weg zusätzlich zwei Heckenrosen.

 Gemeinsinn leben
Die aus Spenden der Anwohner und mit drei Gutscheinen der Gärtnerei Tropica finanzierten Sträucher dürfen sich seit letzter Woche am gefühlten Dauerregen laben und sie erfreuen mit ihren Farben die Anwohner. Die kamen am letzten Mittwoch zusammen, um mit Franz Jirasek das Ergebnis zu feiern.

„Seit dem Aufstellen des Nachbarschaftsbänkchens im letzten August wird der Platz sehr gut angenommen“, weiß Jirasek zu berichten. Nicht nur die Anwohner kämen gerne hierher, um sich zu treffen und auszutauschen. Ein Ort der Begegnung für alle sei so entstanden. „Wir haben an den Gemeinsinn appelliert“, erinnert sich Anwohner und Mitinitiator Volker Kiene gerne, „das hat gut funktioniert. 30 von 40 Familien spendeten gerne 413 Euro. „Geld ist nicht alles, ein begrünter Platz erfreut“, lautete das Motto. Ein Anfang sei geschafft.

Längerfristig wäre es sinnvoll, im Hinblick auf den Klimawandel ein Teil der Pflasterung um neue Bepflanzung herum zu entfernen, damit der Boden mehr Regenwasser aufnehmen könne, ist sich Franz Jirasek bewusst. Sinnvoll sei die Anpflanzung von mindestens einem hochwachsenden, schattenspendenden Baum, „der die heißen trockenen Sommer gut verträgt.“ Die eine noch lebendige Mehlbeere, vor dem die Bank platziert sei, sehe augenscheinlich zwar noch besser aus als befürchtet, brauche aber auch mehr erdigen Platz, um sich richtig zu erholen.

Dem Wandel begegnen
Die zunehmende Versiegelung von Grünflächen ist Franz Jirasek grundsätzlich ein Dorn im Auge. „Viele Menschen wundern sich, wenn die Keller bei Starkregen volllaufen, der in den letzten Jahren verstärkt auftritt. Die Kanalisation ist dann schnell überfordert“, ärgert er sich. „Um das wirklich zu verändern, müsste eine eindeutige Gesetzeslage geschaffen werden. Bei der Aufstellung von Bebauungsplänen könnte man dann eindeutigere Regelungen vorgeben, an die sich Bauherr und Hauseigentümer halten müssen.“ Kein Verständnis habe er auch für das Schottern der Vorgärten. „Und dann wundern sich die Menschen über das Insektensterben“, weiß Jirasek.

Da sind sich die Anwohner mit dem Ersten Beigeordneten einig und sprudeln beim Meinungsaustausch nur so vor Ideen: Drei neue Bäume wären auch nicht schlecht, Spendengeld sei auch noch übrig. So könne doch zur Nachbarschaftsbank eine zweite Sitzgelegenheit aufgestellt werden. „Derzeit findet in der Landwehr ein Generationenwechsel statt“, konstatiert Volker Kiene, „die Leute, die vor 40 Jahren hier einzogen, machen ihre Häuser für junge Familien frei.“ Es lebten mittlerweile viele kleine Kinder in der Landwehr, die auf dem Platz spielen wollten.

Ein Brunnen wäre schön, Wasser sei als erfrischendes Element gefragt und beliebt. So werde der kleine Platz an der Landwehr aufblühen, ist die einhellige Meinung. Gibt es denn mittlerweile einen offiziellen Namen für den Platz? Nach einiger Diskussion fällt ein Name: „Nachbarschaftsplatz“. Die Köpfe nicken zustimmend. „Ich bin gerne wieder dabei, wenn das Straßenschild angebracht wird“, lässt der Erste Beigeordnete verlauten.

Zukunft denken
Er habe auch schon an sogenannte „Grüne Dächer“ für Neubauten gedacht, lässt Jirasek seine Zuhörer aufhorchen. Das sei ein Zukunftsthema. Begrünte Dächer schaffen Lebensraum, tragen dazu bei, dass Regenwasser zurückgehalten wird und senken Heizkosten. Neue bienenfreundliche bunte Beete habe die Gemeinde ja schon angelegt, am Bahnhof zum Beispiel. Weitere sollen folgen. Es sei Vieles im Wandel. Viele kleine Schritte markieren einen richtigen Weg.

Ein Stück weitergegangen in Richtung Zeitenwende ist auch Anwohnerin Susanne Day. Sie wendet sich in einem Flugblatt mit der Aufforderung an die lieben „Wandelinteressierten“, vor der eigenen Haustür aktiv zu werden. Ihr lägen die Themen Klimawandel, Naturschutz und gesellschaftlicher Wandel am Herzen, schreibt sie. Darüber möchte sie sich mit anderen Menschen austauschen und aktiv werden. Die Stimme in ihr werde immer lauter, die ein solches Engagement fordere. Die ersten Interessierten haben schon eingestimmt. Susanne Day hofft, dass zukünftig ein Chor für ein nachhaltigeres Verhalten daraus wird.

Alexander van de Loo