FLÖRSHEIM-WEILBACH – „Hier bring‘ ich dir was. Darüber freust du dich sicher“, verkündete Horst Bayer Mitte Juni seinem Nachbarn Bernd Zürn. Beide wohnen in Weilbach in der Schillerstraße. Und tatsächlich: In einem Plastikeimer hielt er dem neugierig gewordenen Zürn ein Prachtexemplar eines männlichen Lucanus Cervus, also eines Hirschkäfers, entgegen. Hirschkäfer sind die größten Käfer Europas. Männchen können gut acht Zentimeter, Weibchen höchstens halb so lang werden.

Horst Bayer hatte das Tier in seinem Garten neben der Weilbacher Jahnturnhalle gefunden. Dort entließen sie ihn dann auch wieder in die Freiheit, nachdem sie ihn und seinen gewaltigen geweihartigen Oberkiefer vorher aus respektvoller Entfernung beobachtet zu hatten.

Sehr kurze aktive Lebenszeit
Wie wird es weitergehen mit diesem Weilbacher ‚Waldbewohner‘ – das ist das deutsche Wort für ‚Lucanus‘? Er wird nach einer Partnerin suchen, sich paaren und danach sterben. Das Ende des Monats Juni wird er kaum erlebt haben. Auch dem Weibchen  bleibt nicht mehr viel Zeit. Es legt seine Eier – meisten zwanzig und mehr – an den Wurzeln kranker oder toter Bäume ab. Dabei bevorzugt es Eichen. Damit hat auch das Weibchen seine Aufgabe erfüllt – und stirbt.

Die Larven (‚Engerlinge‘), die später aus den Eiern schlüpfen, bleiben bis zu acht Jahre lang unter der Erde. In dieser Zeit häuten sie sich mehrfach. Sie ernähren sich von den zerfallenden Wurzelteilen und können bis zu 10 Zentimeter lang werden. Wenn aus ihnen endlich ‚richtige‘ Hirschkäfer geworden sind verbringen die noch einen Winter unter der Erde, meistens in einer Tiefe von 20 Zentimetern. Erst im nachfolgenden Frühjahr graben sie sich an die Erdoberfläche, suchen  nach Partner/innen, paaren sich – und sterben.

Betrunkene Hirschkäfer
In den wenigen Wochen ihres Lebens ernähren sich Hirschkäfer von Pflanzensäften. Dabei fügen sie – hauptsächlich die Weibchen – den Baumrinden Verletzungen bei. Den dann aus diesen ‚Zapfsäulen‘ fließenden Saft lecken sie auf. Sollte dieser Saft schon etwas angegoren sein könnte sich Lucanus tatsächlich einen Rausch antrinken. Das war möglicherweise vor ein paar Tagen in der Flörsheimer Altstadt der Fall. Dort hatte eine aufmerksame Bewohnerin in ihrem Garten in der Landbergstraße einen männlichen Hirschkäfer beobachtet, der sich ‚mit unsicheren Schritten‘ vorwärts bewegte. Am nächsten Tag lag nur noch seine Hülle im Gras. Eine Elster, so vermutet Bernd Zürn, hatte sich die Innereien schmecken lassen.

„Vor mehr als 25 Jahren“, erinnert sich Zürn, „habe ich zum letzten Mal einen Hirschkäfer gesehen. Auf dem Kinderspielplatz im Wiesenring“. Erstaunlich, dass ihm nach so langer Zeit jetzt zwei Tiere gemeldet wurden und er außerdem zeitgleich in seinem Garten neben der Weilbachhalle selbst ein Weibchen gefunden hat. Den Grund für diese Häufung kennt er zwar nicht; aber er freut sich natürlich darüber.

Bernd Zürn