KRIFTEL – Er liebt die schnelle Gerade. Das richtige Timing. Und weiß, wann er einen Gang hoch- oder einen zurückschalten muss. Als jahrzehntelanger leidenschaftlicher Motorradfahrer kann Franz Jirasek Situationen einschätzen und darauf entsprechend reagieren. Das helfe auch in der Politik. „Es ist leider schon acht Jahre her, dass ich mein Moped verkauft habe“, bedauert der Erste Beigeordnete. Wobei Moped ein Insiderwitz und eine starke Untertreibung ist. Immerhin hat er in schwarzer Lederkluft nichts Geringeres als eine schnelle BMW 1100 bewegt. Motorradfahren sei eine seiner großen Leidenschaften gewesen. In den letzten Jahren habe er kaum noch Zeit dafür gehabt.

Begeistert haben Motorräder ihn schon im zarten Alter von 16. Da habe er eine Tornax, Baujahr 1953, restauriert, bis er sie endlich zwei Jahre später selbst fahren konnte. Es folgten weitere Maschinen, nach dem Motto: schwerer und schneller. Kutte an und Gas geben, das sei früher sein Ding gewesen. Nicht von ungefähr hing in seinem Jugendzimmer ein ikonografisches Poster: „Easy Rider“, der Motorradfilm mit Peter Fonda und Dennis Hopper. „Born to be wild“, wie die Band Steppenwolf im Titelsong des Films verkündet, „das war ich“, schmunzelt der 65jährige. Im Nachhinein sei er froh, dass er mit 17 dann doch die richtige Abzweigung genommen habe. „Zwar mit langen Haaren und Lederjacke“, wie er sich mit amüsiertem Lächeln erinnert, aber mit Vollgas in Richtung bürgerlichem Beruf.

 

Die Karriere startet durch

„Der 1. September 1974 war mein Schicksalstag“, erinnert sich Jirasek. Da trat er seine Ausbildung zum Bundesbahnassistentenanwärter an. 23 Jahre war er jung und abgeschlossener Assistent, als der damalige Bürgermeister Hans-Werner Börs (1970 bis 1994) ihn nach Kriftel holte. Dort im Rathaus entwickelte sich seine berufliche Laufbahn. Sein nach der Sturm- und Drangzeit freigelegter Aufwärtstrieb führte vom Sekretär bis in den höheren allgemeinen Verwaltungsdienst, zum Verwaltungsoberrat und schließlich zum Büroleitenden Beamten. Nicht schlecht für einen Rebellen, der mit einer bürgerlichen Existenz noch vor ein paar Jahren nichts anzufangen wusste. Und es sollte noch „straighter“ kommen. Denn der seine „preußische Pflicht“ im dunklen Anzug erfüllende Börs erkannte in dem jungen Wilden einen ungeschliffenen Diamanten. Jirasek ist seinem Förderer noch heute dankbar. Schließlich habe er ihm den Übergang in den gehobenen Dienst per Studium ermöglicht. Als zweitbester seines Jahrgangs schloss er es 1985 als Diplom-Verwaltungswirt ab.

 

Für die Gemeinde

 Auch Kriftels Ex-Bürgermeister Paul Dünte hat ihn stets gefördert und mit Führungsaufgaben betraut. Gleichzeitig mit der Wahl von Christian Seitz 2006 zum Bürgermeister Kriftels riskierte Jirasek seine Sicherheit als Beamter. Er wurde Wahlbeamter und zum Ersten Beigeordneten gewählt. „Eine Verwaltungslaufbahn von 9 bis 17Uhr war nichts für mich“. Als Freigeist (Lieblingslied „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen) empfand er den Trott als eher einengend. Da würden Entscheidungen eben nur verwaltet, als Wahlbeamter könne er selbst entscheiden. Machen. Gestalten. Anpacken. Das wollte er. Und die Krifteler wollten ihn. Seit damals gelang Jirasek jede Wiederwahl. Das traf sich gut.

Jirasek konnte an der modernen Entwicklung Kriftels mitarbeiten: Das Neubaugebiet „Engler“ entstand, Kriftel wurde wichtiger Schulstandort im MTK, die neue Ortsmitte mit Einkaufs- und Wohnzentrum wurde geschaffen, der Freizeitpark in weiteren Bauabschnitten, der Ziegeleipark angelegt, die Große Schwarzbachhalle neben der Kleinen gebaut, der Friedhof erweitert, die „Ziegelei-Grube“ verfüllt, der „Erdbeeracker“ bebaut und das neue Zuzugs-Wohngebiet „Alte Ziegelei“ entworfen, vier Kindergärten saniert und gebaut, der Flächennutzungsplan (FNP) der Gemeinde genehmigt und die Gewerbeansiedlung gefördert. Da sei so mancher Coup geglückt, meint Jirasek rückblickend. Selbstverständlich habe er das wichtige Vereinswesen unterstützt und das ehrenamtliche Engagement zahlreicher Krifteler mit ständiger Förderung und Anerkennung bedacht.

 

Identifikation hilft

Jirasek gehört bis heute keiner Partei an. Eine aus der Familie zu erklärende Haltung, wie er erläutert. Seine Großeltern väterlicherseits und sein Vater, Vertriebene aus Sudetendeutschland, hätten Parteien immer etwas misstrauisch beäugt. „Lag wahrscheinlich auch an einer bestimmten Partei damals“, fasst Jirasek seinen Abstand zum Parteiengefüge zusammen. Wo er stehe, wisse jeder. Deshalb freue es ihn besonders, dass trotzdem alle vier Parteien in Kriftel ihn gewählt hätten. Er habe schon fortschrittliche Ideen, gibt Jirasek zu, das fange im Kleinen bei der Gestaltung von Grünanlagen („Insektenfreundlich und nicht versiegelt“) an und ende noch lange nicht in der Holzbauweise neuer Wohnhäuser.

Nachhaltiges Bauen hat ihn auch an seinem Geburtstag beschäftigt. Da seien diesbezügliche Verträge unterschriftsreif finalisiert worden. Am Geburtstag, zumal an einem solchen, durcharbeiten? Für Jirasek kein Problem, sondern sein Arbeitsethos. Er betrachte seinen Beruf als Berufung. „Die Bezeichnung Job mag ich gar nicht“, bekennt der Erste Beigeordnete freimütig.

 

Vielseitige Leidenschaften

Wer sein Wohnhaus betritt, dem springt diese Einstellung sofort ins Auge. Jirasek meint, was er sagt. Aufgeräumt und sehr ordentlich ist es hier. Er könne durchaus auch penibel sein, verrät der 65jährige. Die wilden Tiere an der Wand und die vielen Pflanzen stehen für zwei andere Leidenschaften: Er reise für sein Leben gern, bekennt Jirasek, je exotischer, desto besser. Frühstücken mit Berggorillas, einen Sundowner mit Löwen in der Savanne zu sich nehmen, all das habe er erlebt. 5000 Kilometer mit einem umgebauten VW Bulli durch fremde Länder ziehen? Das habe er als junger Mann genossen. Er sei immer noch gerne unterwegs. Aber heute genieße er auch mal einen guten Wein und seine über 200 zum Teil exotischen Pflanzen in seinem Haus.

Bei Tropica und auch in Baumärkten ist der Beigeordnete gern gesehen. Kein Wunder, nimmt er doch gerne die Dinge selber in die Hand. Hecken, Teich, Fließen legen – alles selbst erarbeitet. „Ich arbeite gerne mit den Händen“, erklärt Jirasek. Aber er kommuniziere auch gerne mit Menschen.

 

Langjährige Freundschaften

 Fragen könne ihn jeder nach seiner Einstellung. Er sei da offen und könne gut mit Leuten. Das helfe ihm sehr bei seiner Arbeit. Er sieht sich als der Anfassbare, die umgängliche Art teile er mit Bürgermeister Christian Seitz. Darüber hinaus sind die beiden auch Freunde. „Die Chemie stimmte von Anfang an“, freut er sich. Das habe sich positiv für die Obstbaugemeinde ausgewirkt, wie man an den Projekten sehe. In einem jedoch seien sie verschieden. Im Gegensatz zum Bürgermeister ist Jirasek kein so großer Freund der „organisierten Fröhlichkeit“. „Ich habe höchsten Respekt davor, was der Krifteler Karnevals Klub alljährlich für Kampagnen auf die Beine stellt“, betont er. Seine Sache sei die politische Büttenrede. Er lache auch gerne mal, wenn es nicht passt, und lächelt sich eins.

 

Prägende Verbindungen

Franz Jirasek ist am 21. Januar 1957 in Hofheim geboren („bin ein Marxemer Bub“) und er wohnt auch heute noch dort in seinem Elternhaus. „Mein 99 Jahre alter Vater lebt nebenan, meine zwei Schwestern mit Familie sind auch in der Nähe“, erklärt er auf Nachfrage. Aber verheiratet sei er ja mit Kriftel. Das „Gefühl Kriftel“ sei ihm etwas Wertvolles. Die Gemeinschaft. Der Zusammenhalt. Das Miteinander. Das gelte es zu bewahren. Wachstum ja, aber behutsam, laute seine Devise. Nicht um jeden Preis.

Die Gemeinde bedeute ihm fast alles. Aber es gibt noch eine andere Gemeinschaft. Die hört auf den Namen Heike und wohnt in Hamburg-Eimsbüttel. Seine langjährige Freundin – er ist nie verheiratet gewesen -, sein anderes Ich. „Heike ist ein urbaner Stadtmensch in einem bunten Stadtteil, ich bin halt vom Ort“, resümiert er. Aber die Gegensätze passen. In diesem Spannungsfeld könne er gut regenerieren. Kein Wunder, trägt er selbst doch viele scheinbar widersprüchliche Facetten in sich. Reibung erzeuge Energie, gibt sich Jirasek überzeugt. Die will er auch noch die nächsten Jahre an seine Lieblingsgemeinde zurückgeben. Geradeheraus und ohne Umwege, wie es so seine Art ist.

Alexander van de Loo