FLÖRSHEIM – „Bei dieser Aussicht von hier oben möchte ich auch gerne ein Turmfalke sein“, schwärmt Cäcilia Habicht. Nach einer abenteuerlich-akrobatischen Klettertour bis in die Turmspitze der barocken Sankt-Gallus-Kirche in Flörsheim verschlägt es der BUND-Aktivistin für kurze Zeit den Atem. Nicht so sehr wegen der Aufstiegsstrapazen sondern mehr wegen des überwältigenden Ausblicks über die Dächer von Flörsheim und die weite Untermainebene.

Ihr eigentliches Ziel an diesem letzten Mittwoch im Mai war nicht der Klettersport sondern die Kontrolle eines Turmfalkenkastens in dieser luftigen Höhe. Der wurde dort im Jahr 1985 von den Mitgliedern des kurz zuvor gegründeten Ortsverband Flörsheim des BUND gebaut. Hoch über den Glocken und der großen Turmuhr. Seit dieser Zeit brüten hier regelmäßig Turmfalken. „Mindestens einhundert, eher sogar einhundertfünfzig Junge sind in dieser Zeit hier oben geschlüpft“, schätzt Bernd Zürn, den Cäcilia Habicht heute begleitet. Er muss es wissen. Schließlich hat er den Kasten damals mit gebaut und ihn seitdem regelmäßig kontrolliert und gereinigt.

 

Neuer Rekord: Drei mal je fünf junge Falken

Vorsichtig nähert sich Cäcilia Habicht der 40 x 45 x 35 Zentimeter großen Turmfalkenwohnung. Etwas aufgeregt wirft sie einen Blick durch das seitlich angebrachte kreisrunde Beobachtungsloch. „Ein Altvogel sitzt im Nest“, flüstert sie atemlos. Das war für das brütende Turmfalkenweibchen of-ensichtlich doch so laut und ungewohnt, dass es den Nistplatz verließ. Dadurch wurde der Blick in die Nistmulde frei. „Fünf! Es sind fünf Eier!“, freut sich Frau Habicht. Mit dieser Feststellung war die Mission „Turmfalkenkontrolle 2022 Gallus“ auch schon erfüllt. Das BUND-Duo zog sich zu-rück. Erfahrungsgemäß setzen die Altvögel schon nach wenigen Minuten ihr Brutgeschäft fort. In spätestens 28 Tagen werden die Jungen hier schlüpfen und nach weiteren vier Wochen ihr volles Federkleid haben.

Als hätten sich die Gläubigen in Flörsheim abgesprochen: Fünf Eier gab es sowohl in der evangelischen Kirche in der Erzberger Straße als auch in der Josefskirche. Dort waren sogar schon drei Winzlinge aus den Eiern geschlüpft. „Auf höchstens zwei Tage“ schätzte Bernd Zürn die drei kleinen schneeweißen Flaumbällchen.

 

Geflügeltes Abschiedsgeschenk für Pfarrer Hanauer

Den Bruterfolg in der evangelischen Kirche hatte Zürn so nicht erwartet. Grund: Gut zwei Monate vorher hatten er, Jürgen Krichbaum und Ismail Okta diesen Falkenkasten komplett erneuert. Dabei fanden sie darin vier Taubeneier, aber keinerlei Spuren von Turmfalken. Das hat sich – aus nicht nachvollziehbaren Gründen – glücklicherweise geändert. „Für Martin Hanauer ist das bestimmt ein wunderbares Abschiedsgeschenk“, ist sich Cäcilia Habicht sicher. Der evangelische Pfarrer verlässt nämlich demnächst seine Pfarrei und geht in den Ruhestand. „Seine Turmfalken lagen ihm immer sehr am Herzen“, erinnert sich Bernd Zürn und hofft, dass „vielleicht einer der jungen Flörsheimer Turmfalken auf der Suche nach einer eigenen Behausung den Weg nach Mainz findet“, dem neuen Domizil der Eheleute Karin und Martin Hanauer. Unmöglich ist das nicht.

Bernd Zürn