inbetrieb: Leichte Sprache auf dem Prüfstand

Hechtsheim – Seit einem Jahr gibt es bei in.betrieb eine Prüfgruppe für Leichte Sprache. 14 Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten prüfen Texte, die in Leichte Sprache übersetzt wurden, auf Verständlichkeit. Die wichtigste Kompetenz, die Prüfer*innen mitbringen sollten, ist die Freude an Texten und an der Sprache. Das Interesse bei in.betrieb an dieser Tätigkeit ist groß.

Viele Menschen mit geistiger Behinderung lesen gern oder bekommen gerne vorgelesen. Manche schreiben sogar eigene Texte. Denise Feilbach ist seit Beginn in der Prüfgruppe aktiv, und sie hofft, dass sie dies noch lange sein kann. „Mir ist es wichtig, in der Prüfgruppe mitzuarbeiten, damit auch Menschen mit Schwierigkeiten Texte verstehen können“, sagt sie. Auch für Oliver Castejon ist dies die Hauptmotivation, außerdem macht ihm die Beschäftigung mit Sprache Spaß und er fühlt sich in der Gruppe sehr wohl.

Die Prüfer*innen sind sehr kritisch, denn sie sind Fachleute für barrierefreie Sprache. Sie wissen, wie ein Text formuliert sein muss, und welche Bilder es braucht, damit alles gut zu verstehen ist. Gelesen und getestet werden Museumskataloge, Broschüren, Verträge und vieles mehr. Um die Motivation hoch zu halten, werden auch lustige Texte geprüft, oder man unterhält sich einfach mal über das Lesen und Schreiben. Die Prüfgruppe arbeitet für das Zentrum für Leichte Sprache des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz. Dort werden Formulare, Anträge, Verträge, Infoflyer und vieles mehr in Leichte Sprache übersetzt. So bekommen auch Menschen Zugang zu Informationen, für die viele Texte nur schwer oder gar nicht verständlich sind. Eine der wichtigsten Regeln hierbei lautet: Bevor Dokumente in Leichter Sprache veröffentlicht werden, müssen sie von mindestens zwei Menschen mit Behinderung auf Verständlichkeit kontrolliert werden.

„Ich bin immer wieder überrascht, wie mehrdeutig Sprache sein kann“, bemerkt Anne- Kathrin Berg vom Zentrum für Leichte Sprache. „Wörter, die im übertragenen Sinn verwendet werden, führen oft in die Irre. Deshalb verzichten wir darauf. Außerdem ist Ironie verboten.“ Prüfgruppen trügen entscheidend zur Qualitätssicherung eines Übersetzungsbüros bei, ergänzt sie. Und: „Die Zusammenarbeit mit den Prüfer*innen bereichert meine Arbeit enorm.“

Einmal pro Woche kommt Anne-Kathrin Berg zu in.betrieb, um mit einer Gruppe zu arbeiten. Die Prüfer*innen lesen für sich oder gemeinsam, leise oder laut, schnell oder langsam. Im anschließenden Gespräch werden schwere Wörter entlarvt und Zusammenhänge geklärt – so lange, bis der Text verständlich ist. „Es ist enorm wichtig, immer mehr Dokumente in leichte Sprache zu übersetzen“, findet Michéle Nagel, die das Projekt bei in.betrieb koordiniert. „Schließlich haben alle Menschen das Recht auf Informationen.“ Die Mitarbeiter*innen der Prüfgruppe sind sehr stolz auf ihre Arbeit.

Leichte Sprache soll möglichst vielen Menschen über den Zugang zu Informationen gesellschaftliche Teilhabe eröffnen. Sie folgt festen Regeln. So verwendet sie keine komplizierten Wörter oder erklärt diese, wenn ihr Einsatz unumgänglich ist. Die Sätze sind kurz und sollten nur eine Aussage beinhalten. Auch Schriftgröße, Schrifttype und Zeilenlänge sind so gewählt, dass sie gut zu erfassen sind. Zeichnungen und Bilder unterstützen die Aussage des Textes.

Information ermöglicht Selbstbestimmung

Die Geschichte der Leichten Sprache reicht bis in die 1970er-Jahre zurück, als sich in den USA Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammenfanden, um ihre Rechte besser vertreten zu können. Nach Deutschland gelangte die Bewegung in den 1990er-Jahren. Die UN-Behindertenrechtskonvention rückte 2009 das Recht auf barrierefreie Information ebenfalls in den Blickpunkt und förderte damit die Verbreitung der Leichten Sprache. Leichte Sprache ist nicht nur für Menschen mit Behinderung hilfreich, sondern auch für Menschen mit einer fremden Muttersprache, für alte Menschen und Menschen die ihre Lesefähigkeit im Laufe des Lebens wieder verlernt haben.

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