VG-BODENHEIM – Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich drehe mich um, blicke auf den Wecker. 9:20 Uhr. Es ist Zeit, aufzustehen. Es wirkt wie ein ganz normaler, gewohnter Samstag in Deutschland. Doch es ist gar nicht Samstag. Ich bin unterwegs, unterwegs per Anhalter nach Südamerika. So ist zumindest die Idee. Der Traum. Und jetzt? Jetzt bin ich zumindest schonmal auf Teneriffa. D.h., ich befinde mich praktisch zwischen Europa und Südamerika. In diesen ersten drei Monaten meiner Reise habe ich in etwa 35 Autos plus einem LKW gesessen und bin mit drei Segelbooten von Spanien aus nach Marokko und anschließend auf die Kanarischen Inseln gesegelt. Seit Anfang November suche ich hier in verschiedenen Häfen nach einem Boot, welches mich mit über den Atlantik nimmt. Irgendwann kam dann der Moment, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Die Ressourcen waren ausgeschöpft, die Batterie leer. Ich wünschte mir Urlaub! Urlaub vom Reisen. Wenn man wochenlang nicht weiß, wo man am Abend schlafen wird und in jedes neue Boot neue Hoffnung steckt, kommt es schonmal vor, dass man eine Pause braucht. Mit Albi, den ich wenige Wochen vorher auf der Insel La Gomera kennengelernt habe, ging es mit den 30 kg Gepäck auf dem Rücken ins Anagagebirge. Wir wollten ein oder vielleicht auch zwei Tage im wahrsten Sinne des Wortes im Wald durchhängen. Die Seele baumeln lassen. Vergangenes sacken lassen. Weihnachten war auch nicht mehr fern. Und das kam noch hinzu. Denn nun dachte ich vermehrt an die Familie und Freunde und stellte mir die Frage, wo ich wohl Weihnachten verbringen werde. Und vor allem: Wie? Doch eins wusste ich: Es wird gut werden. Immer. Darauf vertraue ich und bisher wurde ich noch nicht enttäuscht. Nein, ganz im Gegenteil, ich werde immer mal wieder, genau dann, wenn ich nicht damit rechne, wunderbar überrascht! Oft kommt es mir wie ein Traum vor. So auch dieses Mal. Wie ich so im Wald in meiner Hängematte hänge und die Gedanken schweifen lasse, kommt Albi mit frischem Wasser aus dem Dorf zurück. Und er bringt noch etwas mit. Eine Nachricht. Und zwar eine absolut unerwartete und mindestens genauso schöne. Er habe einen Mann namens Alejandro kennengelernt, der ihn ein Stück des Weges in seinem Auto mitgenommen habe. Sie kamen ins Gespräch und schlussendlich bat Alejandro uns, ihn anzurufen, wenn wir eine Dusche haben wollten oder es am Abend zu kalt werden würde. Etwas später meldeten wir uns bei ihm und was sagte er? „Ja, wo seid ihr denn? Ich habe euch schon gesucht und möchte euch zum Abendessen einladen!“ Habe ich das gerade richtig verstanden? Als wir seine Wohnung betraten, war das erste, was er uns in die Hand drückte, der Haustürschlüssel. Gefolgt mit den Worten: „Mi casa es tu casa.“ Mein Haus ist dein Haus. Verrückt? Absurd? Geträumt? Sicherlich nicht. Wir leben nun seit knapp vier Wochen bei ihm, haben ein Dach über dem Kopf, ein Bett, Essen und sogar Internet. Doch mit den Überraschungen soll es noch nicht zu Ende sein. So standen zum Beispiel nach wenigen Tagen Hausschuhe für uns im Flur. Einfach so. Und sie passten wie angegossen! An Heiligabend wurden wir dann noch bei einer lokalen Familie zum Essen eingeladen. Einfach so. Mein Name ist Joshi Nichell, ich bin 18 Jahre alt und als leidenschaftlicher Naturfotograf und -filmer aktiv. Nachdem ich mein Abitur im Juli 2016 in Mainz abgeschlossen habe, bin ich seit Anfang Oktober per Anhalter unterwegs. Folgen Sie mir auf Facebook und Youtube („Joshi Nichell“) und erfahren Sie mehr von dieser Langzeitreise. www.theoutdoorbrothers.de

Text und Foto: Joshi Nichell