Digitales 3D-Abbild von Laubenheim – mit dem 3D-Drucker gedruckt
Quelle: Kuroczynski

LAUBENHEIM – (vk) Geschichte ist für so manchen nur ein verstaubtes Schulfach, in dem man Daten und Fakten auswendig lernen und sich mit den Taten lange verstorbener Menschen beschäftigen muss. Ein sehr falsches Bild – Geschichte kann so viel mehr sein, interessant, spannend, sogar furchteinflößend, und sie kann immer wieder in neuer Form aufbereitet und fassbar gemacht werden. Das zeigen zwei Projekte, die am 29. Mai in Laubenheim im Vereinsheim des AC 1909 präsentiert wurden: Zum einen haben Studenten des Fachs Geoinformatik und Vermessung der Hochschule Mainz im Rahmen einer Lehrveranstaltung zur Kartographie verschiedene thematische Karten Laubenheims erstellt, zum anderen wurde am AI MAINZ, dem Architekturinstitut der Hochschule Mainz, auf Basis einer Karte von 1810 eine virtuelle 3D-Rekonstruktion des Stadtteils geschaffen. Beide Projekte liefen unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Piotr Kuroczynski, der vor drei Jahren aus Darmstadt nach Laubenheim umgezogen ist. „Ich beschäftige mich seit über 15 Jahren mit der computergestützten Rekonstruktion, Dokumentation und Vermittlung von gebautem Kulturerbe, vor allem von zerstörter Architektur, und da ich in Laubenheim wohne, setze ich mich selbstverständlich mit der Geschichte vor meiner Haustür auseinander“, so erklärt er.
Ins Rollen kamen die beiden Projekte bei der Brunneneinweihung in Laubenheim im letzten Jahr. Dort kam Prof. Kuroczynski mit dem Ortsvorsteher Gerhard Strotkötter (SPD) ins Gespräch über seine Ideen, dann setzte er sich mit der „Arbeitsgruppe Historisches Laubenheim im HVV“ (so der inzwischen ausgewählte Name) in Verbindung, die ihm Literatur zur Ortsgeschichte zur Verfügung stellte, sodass er seine Gedanken weiter ausbauen und schließlich im Rahmen einer Lehrveranstaltung und eines Projekts am AI MAINZ realisieren konnte.
An dieser Realisierung hatte auch die Arbeitsgruppe ihren Anteil. Dr. Gebhard Kurz, Jupp Heck und Wolfgang Stampp kamen im Rahmen der Lehrveranstaltung zu den Studenten an die Hochschule, stellten verschiedene Themen vor und lieferten nützliche Unterlagen, sodass die Studenten schon einmal eine Datengrundlage für ihre Arbeit hatten. Diese wurde durch statistische Daten, historische Bildquellen, verschiedene Gespräche, unter anderem mit Laubenheimer Winzern, den Erzieherinnen und den Kindern des katholischen Kindergartens und weiteren Quellen ergänzt, sodass die Studenten darauf basierend schließlich Konzepte für die Karten entwerfen konnten, die eine Korrekturschleife durchliefen und schließlich vollständig realisiert wurden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: mehrere thematische Karten rund um Laubenheim, darunter ein historischer Führer, ein Verzeichnis der Gaststätten seit dem 17. Jahrhundert, das Dorf als Weindorf mit dem Weinlagenplan und dem Verzeichnis der Winzer seit 1886, eine Darstellung der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und ein Leiterbrettspiel für Kinder. Letzteres wurde in Zusammenarbeit mit dem katholischen Kindergarten entwickelt. „Die Studenten sind in den katholischen Kindergarten gegangen und haben mit den Erzieherinnen und den Kindern geredet, sie zum Beispiel gefragt, was ihnen denn an Laubenheim wichtig ist“, erzählt Prof. Kuroczynski.
Auch bei der virtuellen 3D-Rekonstruktion am Architekturinstitut der Hochschule Mainz wirkte die Arbeitsgruppe Historisches Laubenheim mit und unterstützte das Projekt gemeinsam mit dem Ortsbeirat und dem Heimat- und Verkehrsverein auch finanziell. So konnte, basierend auf einer Franzosen-Karte von 1810, ein digitales 3D-Modell des Dorfes sowie ein Animationsfilm, der die mittelalterliche Dorfstruktur aus der Vogel- und Fußgängerperspektive zeigt, entstehen. Ein 12 x 12 cm großes Segment aus dem digitalen 3D-Modell wurde zudem auch mit einem 3D-Drucker im Maßstab 1:1000 in Kunstharz ausgedruckt. Dazu erklärt Prof. Kuroczynski: „Das ist allerdings nur ein Ausschnitt aus unserem digitalen 3D-Datensatz. Um ein vollständiges Kunstharzmodell von Laubenheim um 1810 zu erhalten, müsste man noch 23 weitere Teile drucken lassen.“
Zum Abschluss der Präsentation wurde dem Ortsvorsteher Gerhard Strotkötter ein im barocken Holzrahmen eingerahmtes Bild aus der Computeranimation feierlich für die Amtsstube im Laubenheimer Rathaus übergeben. Einige Studenten waren ebenso vor Ort, um die Ergebnisse ihrer Arbeit zu präsentieren, womit sie gleichfalls großen Anklang fanden.
Was mit ihren im Rahmen der Lehrveranstaltung entstandenen Karten in Zukunft geschieht, ist allerdings noch unklar, da die Verwertungsrechte geklärt werden müssen – diese liegen natürlich noch bei den Studenten, mit denen sich die Arbeitsgruppe Historisches Laubenheim in Verbindung setzen muss, um die weitere Verwendung zu klären. Nur das Brettspiel, ein Leiterspiel in Laubenheim, wurde der Kita bereits zur Verfügung gestellt, damit die Kinder es ausprobieren können – haben sie doch schließlich auch tatkräftig bei der Verwirklichung mitgeholfen. Der Animationsfilm zur virtuellen Rekonstruktion des historischen Laubenheims um 1810 ist in der Online-Ausgabe des JournalLokal abrufbar – wer das ihm wohlbekannte Dorf einmal aus ganz anderer Perspektive erleben will, kann ihn also einfach unter www.journal-lokal.de ansehen.

Veronika Königer