HECHTSHEIM – Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, der nahezu 17 Millionen Menschen den Tod brachte. Aus diesem Anlass hatte der Verein Hechtsheimer Ortsgeschichte zu einem Vortragsabend mit dem Mainzer Regionalforscher, Historiker und Buchautor Dr. Rudolf Büllesbach ins Katholische Gemeindehaus Hechtsheim zum Thema eingeladen: „Als die Festungsbahn durch die Ortsmitte fuhr – Hechtsheim im Ersten Weltkrieg“.

Der rheinhessische Festungsgürtel „Selzstellung“  bestand aus 350 Fortifikationen und insgesamt 55 Kilometern Bahnlinien. Die Gleise begannen in Heidenfahrt am Rheinufer, verliefen zunächst längs der Selz weiter über das rheinhessische Hinterland und endeten wieder am Rhein bei Laubenheim. Diese gewaltige Bauleistung aus betonierten Festungen bei gleichzeitigem Anlegen restlicher Bahngleise wurden von 30.000 Soldaten innerhalb von vier Wochen im Vorkriegsjahr 1913 vollbracht.

Der Festungsgürtel wurde von fünf Generalbefehlsstellen aus kontrolliert, von denen eine sich auch in Hechtsheim an der Heuerstraße in der Nähe des jüdischen Friedhofs befand. Die Halle des Hechtsheimer Radsportvereins wurde übrigens unter Verwendung von Bauteilen dieser Befehlsstelle errichtet. Die Militärbahn durch Hechtsheim war bereits 1910 betriebsbereit und fuhr vom Weisenauer Rheinufer herkommend mitten durch den Ort und zwar im Bereich der heutigen Straßen Am Hechenberg, Am Schinnergraben, Alte Mainzer Straße und Grauelstraße und danach parallel zur neu gebauten Militärstraße durch das Kesseltal nach Ebersheim. Mit Hilfe eines Videofilms nahm der Referent die mehr als 160 Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine Reise über die ehemaligen Trassen der Festungsbahn zwischen Weisenau, Hechtsheim, Ebersheim und Zornheim und zeigte beeindruckend auf, dass viele Wirtschaftswege und einzelne Straßen und Gassen die  militärische Streckenführung bis heute nachzeichnen.

Wozu dieser hohe finanzielle Aufwand für die Selzstellung? Die deutsche Heeresleitung besaß am Vorabend des Ersten Weltkriegs geheime Informationen, nach denen die französische Armee über das (damals deutsche) Elsass-Lothringen und die Pfalz nach Mainz vorstoßen würde, um die dortigen Brückenköpfe am Rhein einnehmen zu können. Diesen Vorstoß sollte die „Selzstellung“ mit damals modernster Kriegstechnik verhindern, jedoch verbunden mit der bewusst vorgenommenen Entscheidung, dass Rheinhessen dann in ein Dauerschlachtfeld verwandelt würde. Es entstand ein Festungsbollwerk in Form eines Viertelkreises mit einem Radius von ca. 20 bis 30 Kilometer vor Mainz. Die Stadt selbst war seit dem Ende des 1870/71er Kriegs gegen Frankreich militärisch verletzbar geworden. Die alten, teilweise noch aus dem 17. Jahrhundert stammenden Festungsanlagen innerhalb und im unmittelbaren Umkreis der Stadt waren teilweise geschleift worden, da sie gegen die moderne Artillerietechnik nicht mehr wirkungsvoll waren. Der Grund war die Erfindung der Brisanzgranate (Schrapnell) im Jahre 1887 in Verbindung mit äußerst zielgenauen Kanonen. Diesen Geschossen konnten nur betonbewehrte Anlagen widerstehen.

Alles umsonst: Die Franzosen kamen nicht durch die Pfalz, sondern gruben sich jenseits der damaligen Grenzen in Lothringen in Bodenstellungen ein. Nicht Rheinhessen wurde zum Schlachtfeld, sondern die Region um Verdun. Von der stolzen Selzstellung blieben nach den von den Siegern im Versailler Vertrag verordneten Sprengungen nur noch einige Betonbrocken übrig. Diese sind stellenweise heute noch sichtbar: z.B. Fort Muhl in Ebersheim oder die Reste einer Militärwache an der Militärstraße (der sogenannten „Preußen-Chaussee“) im Süden der Hechtsheimer Gemarkung. Trotz entsprechender Petitionen der Zivilverwaltung mussten auch die Gleise der Festungsbahn entfernt werden. Diese wäre für die Versorgung der hungernden Bevölkerung in Hechtsheim und anderen rheinhessischen Orten sowie der Stadt Mainz sehr hilfreich gewesen.

Ottmar Schwinn