NIERSTEIN – Dem Niersteiner Carneval-Verein (NCV) ist es auch in diesem Jahr an Altweiberfastnacht, dank einer beispiellos guten Vorbereitung, wieder gelungen das Rathaus der Stadt Nierstein zu stürmen. Bis Aschermittwoch liegt die Schlüsselgewalt einmal mehr in den Händen des NCV Präsidenten, Rüdiger Leineweber, und seiner Getreuen. Pünktlich um  11.11 Uhr bliesen die Niersteiner Narren zum Sturm auf das Amtsgebäude. Trotz massiver Gegenwehr gelangte das Narrenvolk in die Amtsstuben, und damit in das Zentrum der Verwaltung. Stadtbürgermeister Thomas Günther sowie seine Beigeordneten, seine Sozialbeauftragte und der Bauhof versuchten zwar dem Ansturm mit aller Gewalt Herr zu werden, mussten sich aber nach zähem Ringen geschlagen geben und kapitulieren. Mit Luftschlangen und Girlanden gefesselt wurde die Verwaltungsspitze dem Narrenvolk im Rathaushof vorgeführt. Der Medicus Pharmazeutikus unterzog die Verwaltung einer Kokolores-Medizinischen Untersuchung um deren Verhandlungsfähigkeit festzustellen. Die anschließend vom Präsidenten, Rüdiger Leineweber, vorgebrachten Anklagepunkte waren so stichhaltig, dass sämtliche Bemühungen einer Verteidigung ins Leere liefen.

Im Einzelnen sah sich Stadtbürgermeister Günther mit folgenden Vorwürfen konfrontiert und versuchte diese zu entkräften:

Morbus Kulturwoche

Anklageschrift:
Nierstein, ja da staunt ein jeder nur, feiert eine Woche lang Kultur.
Auf dem Schiff, der Cassian Carl, das war wirklich optimal.
Doch sage uns, muss das denn sein, du planst nur groß und kannst nicht klein?

Boijemoschter antwortet:
Die Woche war, ich sag´s frei raus, Kultur vom feinsten mit viel Applaus.
Norbert König, Stefan Hofmann und der Hafner Klaus machten eine runde Sache draus.
Sportlich, lässig, ohne Frack, auf dem Schiff von Freund Karl Strack.
Ich sag´s euch jetzt, seit nur ganz Ohr, so stell ich Kultur mir vor.

Morbus Stadtentwicklung

Anklageschrift:
Der Minister war in Nierstein zu Gast, ein Termin der den du sichtlich genossen hast.
Viel Geld brachte Roger und das ist fein, für die Entwicklung von Nierstein am Rhein.
Doch sag, was machst du mit der ganzen Kohle?
Setzt sie hoffentlich ein für Nierstein zum Wohle.

Boimoschter antwortet:
Es war ein Geschenk vor dem Heiligen Abend.
Für Nierstein ein Segen, erquickend und labend.
Städtebauförderung heißt das Zauberwort, und zwar direkt hier in Nierstein, also quasi vor Ort.
Nierstein entwickelt sich prächtig, und das schon seit Jahren.
Das Geld passt darum prima, hemmt manche Gefahren.
Ein Lob dem Minister, dem tapferen Streiter,
er ist uns gewogen, bringt Nierstein weiter.
Dabei ist es einerlei, gehört er auch zur falschen Partei.

Morbus Amtsmüdigkeit

Anklageschrift:
Wir haben´s vernommen, im Sommer ist Schluss.
Du räumst hier das Rathaus, das erfüllt uns mit Frust.
Ist es Amtsmüdigkeit oder was ist der Grund?
Sprich frei heraus und tu es hier kund.

Boimoschter antwortet:
20 Jahre ist ne lange Zeit.
Ich war als Schultheiß immer für euch da und allzeit bereit.
Der Job der macht Spaß, gar keine Frage.
Die Zeit war erfolgreich, nur selten ne Plage.
Hab manchen Karren aus dem Dreck gezogen und dabei mich und meine Familie nicht selten verbogen.
Die letzten Monate, ich sag´s frei heraus, waren manchmal ernüchternd, will nicht sagen ein Graus.
Der Rhein-Selz-Park, die Abstimmung, die war es nicht wert, schwebt jetzt hoch über Nierstein als Damoklesschwert.

Ihr seht, eure Klage lief mal wieder ins Leere,
gegen all eure Klage tu ich aufbegehre.
Ich hab gern geschafft für Nierstein, moi Stadt.
Mein Akku ist voll, bin lang noch nicht platt.
Bürgermeister zu sein ist kein Buch mit sieben Siegel.
Nach 20 Jahren schau ich morgens immer noch gern in den Spiegel.

Bürgermeister Günther versuchte zwar noch mit einer List die Anklage von sich abzuwenden und das hohe Gericht mit dem Überreichen von Fastnachtsorden zu beeinflussen, doch auch dieser Bestechungsversuch schlug fehl. Letztendlich mussten sich Günther und seine Mitstreiter schuldig bekennen, den Rathausschlüssel an den NCV abgeben, und unter großem Beifall aus dem jungen und junggeblieben Narren des Schwabsburger Schloßkindergartens und der Allgemeinheit den Rathaushof kehrten. Als Zeichen der Machtübernahme durch den NCV wurde das vierfarbbunte Fastnachtsbanner am Rathauseingang gehisst. Ein anschließender Umtrunk bei Weck, Worscht und Woi stimmte beide Parteien wieder versöhnlicher und lässt auf ausgelassene Fastnachtstage hoffen. Dabei betonten Stadtbürgermeister Günther und die NCV Spitze, dass sie immer in gegenseitiger Hochachtung, voller Respekt und Dankbarkeit die Rathausstürmungen in den letzten Jahren an Altweiberfastnacht vorbereitet und veranstaltet haben.

Norbert Kessel