UNDENHEIM – Die Atmosphäre war ein wenig wie vor dem Anpfiff eines Bundesliga-Fußballspiels. Vor der Arena – in diesem Fall der Narrhalla Goldbachhalle – standen die Zuschauer in Gruppen in der Sonne und fachsimpelten, ein Bierglas in der Hand, über Gott und die Welt. In bunten Kostümen wartete das Narrenvolk auf die Eröffnungsglocke zur zweiten Herrensitzung des Karneval Clubs Undenheim (KCU). Männer unter sich also. Als Sitzungspräsident Benno Klier den Startschuss für ein fast fünfstündiges Spektakel gab, strömte die Narrenschar gut gelaunt in die Halle.

Politik

Die Politik spielt in einer Herrensitzung eigentlich eher eine untergeordnete Rolle. Aber wenn ein Deutscher Michel (Bernhard Knab aus Gau-Bischofsheim) erscheint, dann bekommen die Oberen der Republik ihr Fett ab. Vom Brexit-Desaster in England über Putins Krieg in der Ukraine und Trumps Notstandsszenarien bis zum Merkel-Rückzug, er beleuchtete alles, was viele nur denken. Innenminister Horst Seehofer gab der Deutsche Michel den Rat zum Rückzug nach Bayern, denn das sei ja ein sicheres Herkunftsland. Als die eigens konstruierte Ausziehbütt in die Mitte geschoben wurde, wusste jeder: „Jetzt kommt de Schmitt.“ Der Obermessdiener ging mit der Politik hart ins Gericht. Die AfD bezeichnete er als Wolf im Schafspelz, SPD-Chefin Andrea Nahles’ freches Maul ersetze noch lange kein Wahlprogramm und Seehofers langes Festhalten am ehemaligen Verfassungsschutzchef Maaßen lasse nur den Vergleich zu, als hätte Ex-US-Präsident Obama den Terroristen Bin Laden zu seinem Verteidigungsminister ernannt. Aber auch den „beschissenen Fußball“ der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft nahm Schmitt auf die Schippe und empfahl den Kickern der Nation, sich ein Beispiel an den Handballern zu nehmen.

Kokolores

In der Sparte Kokolores war Adi Guckelsberger alias Nachtwächter ein Garant für hintergründigen Humor. Mit seinem Sprechgesang band er in idealer Weise sein Publikum mit ein. Beifall bekam auch Thomas Rau, der als Olga Orange in der Bütt erschien. Als er zum Schluss „Tulpen aus Amsterdam“ anstimmte, herrschte in der Arena Ausnahmezustand. Das traf auch auf den Begge Peter zu, seit Jahren Stammgast in der Undenheimer Fastnachtskampagne. Seine Mimik und sein Humor kommen bestens an. Beispiel: Eine Kiste Bier für zwei Mann macht nur Sinn, wenn einer nichts trinkt. Der Urfastnachter setzt sich aber auch für krebs- und leukämiekranke Kinder ein. Der KCU unterstützt diese Initiative und ließ auch jetzt eine Spendenbox herumgehen.

Tanz

Was die jungen Damen von insgesamt sechs Ballettformationen auf die Bühne zauberten, grenzte an Hochleistungssport. Das Gardeballett vom Carneval Club Osthofen gab der Eröffnungszeremonie optischen Glanz. Ein Feuerwerk der Tanz- und Ballettkunst lieferten die „Magic Steps“ vom KCU mit ihrer Hüttengaudi. Die Showtanzgruppe „Dance Emotion“ vom TuS Saulheim präsentierte sich in herrlichen Kostümen mit einer Rückkehr aus dem All und „Sensation Step“ aus Hillesheim zeigten tänzerisch ein „Kloster außer Rand und Band“. Für die „Shining Motions“ aus Oppenheim war die Bühne fast zu klein, als sie mit 35 Indianerinnen das Publikum im Nu eroberten. Das traf auch auf „Magic Moves“ aus Guntersblum zu, die mit einer herrlichen Choreografie zum Thema Wald mit viel Beifall bedacht wurden.

Musik

Die Big-Band Selzen-Köngernheim schmetterte bekannte Fastnachtshits in den Saal. Den Siedepunkt erreichte die Herrensitzung zum großen Finale, als „Sound of Weisenau“ die närrische Arena in ein Tollhaus verwandelte.

Fazit

Mit einer gesunden Mischung aus der Gilde der Stars aus der Mainzer Fastnacht und bewährten Kräften aus der Region hat der KCU wieder ein Programm auf die Beine gestellt, das sich sehen lassen kann. Und: Im Gegensatz zu früheren Jahren sind aus den Reden der Akteure fast keine Verse mehr zu hören, die unter der absoluten Gürtellinie liegen. Trotzdem hat es der Männerwelt viel Spaß gemacht.

Wolfgang Kröhler