Ein weinkundlicher Rundgang ganz besonderer Art fand am letzten Septembersonntag in den Laubenheimer Weinbergen statt. Anlässlich der 50. Wiederkehr der Eingemeindung von Laubenheim nach Mainz hatten Ortsvorsteher Gerd Strotkötter (SPD) und der Laubenheimer Ortsbeirat in Kooperation mit dem Heimat- und Verkehrsverein eine Führung zum Thema „Weinbau vor 50 Jahren“ zusammengestellt, die historisches und aktuelles rund um den Laubenheimer Wein und Sekt versprach.

Ortsvorsteher Gerhard Strotkötter (SPD) begrüßt gemeinsam mit der Weindezernen-tin Manuela Matz (CDU) die Weinwanderer – Foto: Ulrich Nilles

Am Zöllerkreuz auf dem Erich-Koch-Höhenweg begrüßte der Ortsvorsteher gut 60 Weinkennerinnen und Weinliebhaber. Namentlich nannte er ehemalige und aktuelle Laubenheimer Winzer, die ehemaligen Weinköniginnen Petra Spies und Sabrina Möhn sowie die Bürgerpreisträgerin Margot Scholz. Mit einer großen Geste über das umliegende Gelände stellte er fest: „Das alles haben wir vor 50 Jahren nach Mainz eingebracht.“ Gemeint war nicht nur die Fläche, sondern auch das Knowhow rund um den Weinbau.

Ein besonderes Willkommen galt der Mainzer Wirtschafts- und Weindezernentin Manuela Matz (CDU). „Mainz und der Wein, das ist eine 2.000-jährige Liebesbeziehung, die auch nach dem Abzug der Römer erhalten blieb“, stellte Matz fest. Die Umstellung von Mischbetrieben auf den Weinbau während der vergangenen 50 Jahre habe einen enormen Schub auf die Weinproduktion ausgelöst, sagte sie weiter.

Wenige Meter vom Zöllerkreuz entfernt erwartete die Besucher bereits die erste goldene Kostprobe. Uwe Saulheimer stellte einen Rieslingsekt der Sektmanufaktur Flik vor. Fachkundig erläuterte er den Vorgang der Versektung und ließ sich einen Seitenhieb auf die Sektsteuer nicht nehmen: zu Kaisers Zeiten für die Finanzierung der Flotte eingeführt habe sie beide bis heute überlebt.

Auch das trübe Wetter beeinträchtigte Sabrina Möhn nicht bei ihren fachkundigen Erläuterungen – Foto: Ulrich Nilles

Während der zwei Kilometer langen, ca. zweistündigen Wanderung konnten die BesucherInnen an acht Stationen Weinsorten aus der Zeit um die Eingemeindung verkosten. Ein 50! Jahre alter Materialwagen folgte der Wandergruppe, um die edlen Tropfen und kleine Imbisse an Ort und Stelle zu bringen.

Allein drei Rebsorten stellte die letzte Mainzer Weinkönigin Sabrina Möhn (2015/2016) vor. Da war der bereits abgeerntete Müller Thurgau, der bei hohen Erträgen bis in die 90-ger Jahre die am häufigsten angebaute Rebsorte war, später abgelöst vom Riesling. Den Morio Muskat, ob trocken oder süß, bezeichnete Möhn als Diva, die gehegt und gepflegt sein will. „Er liebt den rheinhessischen Lössboden und wird heute noch vereinzelt angebaut.“ In Anlehnung an einen Werbeslogan zitierte Winzermeister Walter Roth: „Morio macht Kinder froh, und Erwachsene ebenso.“ Schließlich füllte ein süßer Ruhländer die Gläser, der heute unter dem Namen Grauburgunder (Pinot Grigio) firmiert. Als süffigen Wein empfahl sie den Herben zum schweren Essen und den Süßen zum Nachtisch.

Nachgefragt äußerte Frau Möhn, dass sie eine Menge Wissen um den Wein vom elterlichen Betrieb mitgebracht habe, aber als Weinkönigin auch eine Reihe von Schulungen durchlaufen musste.

Neben der Eingemeindung brachte das Jahr 1969 eine weitere Epoche machende Veränderung: die bis dahin gültige Weinverordnung von 1930 wurde grundlegend reformiert und an die EU-Voraussetzungen angepasst. In insgesamt 420 Paragrafen wurde u. a. die amtliche Prüfungsnummer als Qualitätssicherung festgelegt und die Klassifizierungen als Qualitäts-, Prädikats- und Tischwein eingeführt.

Und wie bei Jubiläen üblich, wurden großformatige, von Jupp Heck und Friedhelm Kärcher vorbereitete Fotos herumgereicht. Zu sehen waren u. a. der ortsbekannte „Lijebeitel“, ein Foto von 1938 vor der Glotzbachvilla mit Dr. Gebhard Kurz als 8-jähriger Junge und das als solches bekannte „Wingert zackern“. Dieses Ackern mittels eines einfachen, von einem PS gezogenen Pfluges konnten die Gäste genauso in Augenschein nehmen wie das Spritzen mit einer auf dem Rücken getragenen Handpumpe. Walter Roth erläuterte, dass bei dieser alten Art des Spritzens lediglich die Vorderseite der Rebblätter getroffen wurden, mit einer Wirkungsdauer von drei Tagen. Heute sei der Wirkungsgrad des Spritzens bei geringerem Wasserverbrauch wesentlich effizienter.

Das Wingert zackern: damals eine körperlich anstrengende Arbeit – Foto: Ulrich Nilles

Auch Ortsvorsteher Gerd Strotkötter erwies sich als profunder Kenner, als er mittels eines Refraktometers die Grad Oechsle in einer Silvanerlage bestimmte. Diesen bezeichnete Manuel Eich vom Weingut Delle & Grimm als den rheinhessischen Wein vor 50 Jahren schlechthin.

Auch (Erd-)Geschichtliches wurde den Teilnehmenden dargeboten. So skizzierte der Kultur- und Weinbotschafter Peter Riffel die Entstehung des Mainzer Beckens und die Bildung des Rheingrabens. Vor 22 Millionen Jahren sei dann die Laubenheimer Höhe mit dem eiszeitlichen Produkt bedeckt worden, das bis heute zum Terroir des Laubenheimer Weins beitrage, dem Löss. 60 % der Weinberge seien mit einer bis zu 15 Metern mächtigen Lössschicht überzogen.

Vor der Ortserweiterung sei Laubenheim mit 160 Hektar Weinbergsfläche ebenbürtig mit Bodenheim oder Nierstein gewesen, verlor aber dann durch die neue Ortsgestaltung 36 % seiner zum Teil besten Lagen, die von nun noch drei Laubenheimer und weiteren auswärtigen Winzern bearbeitet werden. Heute existieren mit dem Klosterberg, dem Edelmann und dem Johannisberg noch drei Weinbergslagen übergeordnet die Großlage St. Alban.

Blieben noch drei Weine, die von Walter Roth, Weingut St. Urban, präsentiert wurden. Zunächst der Portugieser, „die Kuh des kleinen Mannes“, der durch das Aufkommen vor allem italienischer Rotweine an Bedeutung verlor. Dann der Gewürztraminer mit seinem rosenduftenden Bouquet, ideal zu Pralinen und zum Nachtisch. Und schließlich der deutsche Hitwein Nummer Eins, der Riesling, für den das rheinhessische Klima die ideale Voraussetzung zur Ausbildung seiner strammen Säure bildet.

Unter der bereits aufziehenden Dämmerung fand der sehr informative Nachmittag sein Ende an der Lesebank, dem Aussichtspunkt in Richtung Rheinpolder. Letzterer wurde durch vielfältige administrative Unterstützung eingerichtet, um die Hochwasserbedrohung von Laubenheim und Bodenheim fernzuhalten. Bänke laden zum Verweilen in der Natur ein. Und wenn dazu noch eine Scheurebe gereicht wird, kommt romantische Stimmung auf.

Ulrich Nilles