Geschneit hatte es zwar nicht, aber es blies ein kalter Wind und man konnte sich den Wintertag um 335 gut vorstellen, an dem der Heilige Martin einem unbekleideten Bettler am Stadttor von Amiens begegnet war. Schon seit fünf Jahrzehnten findet in Bodenheim am Namenstag des Heiligen ein Martinszug statt. Bis vor kurzem nur von der katholischen Kirchengemeinde, deren Kindergarten, der Grundschule und der Ortsgemeinde ausgerichtet, beteiligen sich seit drei Jahren alle Kindertagesstätten daran.

Die Vorbereitung

„Das bedeutet ein erhöhtes Maß an Koordination im Vorfeld“, äußerte Beate Michel, Leiterin des katholischen Kindergartens in Bodenheim. Alle KiTas und die Grundschule treffen sich bereits vor den Sommerferien mit dem 2. Beigeordneten Johannes Schoeller, um erste Absprachen zu treffen. Auch die Vater-Kind-Nachmittage, an denen je eine der drei Gruppen des katholischen Kindergartens Martinslaternen bastelt, dienen der Vorbereitung des Zugs. All dieser Aufwand und weiteres lohne sich, wenn man in die Kinderaugen am Martinsfeuer sieht, so Frau Michels.

Es geht los

Bei Einbruch der Dunkelheit strömte eine unübersehbare Zahl von Kindern und Erwachsenen in die Bodenheimer Pfarrkirche St. Alban. Pfarrer Kollar hieß die versammelte Gemeinschaft herzlich willkommen: „Martin gehört zu den bekanntesten Heiligen und es ist schön, dass die Martinstradition in unserer Gemeinde weiterlebt.“ Dies sei nur möglich, weil es eine große Zahl von Unterstützern gäbe, denen es zu danken gälte.

In einem kurzen Rollenspiel führten Ministranten der Pfarrei diejenige Schlüsselszene auf, die die Martinstradition begründete: das Teilen des Mantels mit einem Bettler.- Eingeübt von den Gruppenleitern der Messdiener Hannah Becker, Tom Coffeng und Anna Lipski.

Bei dem sich daran anschließenden Gewusel stellten sich die KiTa-Kinder mit ihren Begleitern vor der Kirche zum Zug auf. Das waren die „Wühlmäuse“, die „Schatzkiste“, das „Spatzennest“, die „Mühlbachstörche“ und die KiTa Leidhecke; und natürlich der kath. Kindergarten sowie die Grundschüler. An der Spitze des Zugs formierte sich wie gewohnt eine Gruppe des Blasorchester Bodenheim (BOB) und intonierte bekannte und weniger bekannte Martinslieder, die den Teilnehmenden als Liedblatt zur Verfügung standen. Wegen der großen Länge des Zugs drang die Musik allerdings nicht bis an das Ende durch. Und trotzdem gab es Inseln von eifrigen Sängern entlang der Weckstrecke.

Leider mussten die Martinszügler in diesem Jahr auf einen berittenen Martin verzichten. Das bisherige Pferd sei in die Jahre gekommen und man habe bislang noch keinen geeigneten Ersatz gefunden, hatte Pfarrer Kollar bereits in der Kirche informiert.

Im Innenhof der Verbandsgemeinde

In umgekehrter S-Form schlängelte sich der Martinszug durch die engen Gassen und Gässchen des Ortskerns von Bodenheim. Zahllose freiwillige Helferinnen und Helfer in neonfarbenen Westen sorgten für die Sicherheit entlang der Wegstrecke, deren Zielpunkt der Innenhof der Verbandsgemeindeverwaltung war.

Martinsklänge und Martinsfeuer im Innenhof der VG Bodenheim – Foto: Ulrich Nilles

Dort prasselte bereits ein eher bescheidenes Martinsfeuer, was wohl dem Brandschutz im Innenhof geschuldet war. Die Kinder erhielten einen von der Ortsgemeinde gespendeten Siener-Bretzel – mit oder ohne Zucker – und auch für die Erwachsenen war gesorgt: Romy Brandl und ihr Helferteam aus der Pfarrei schenkten Glühwein aus. Der Elternausschuss der katholischen KiTa verkaufte Würstchen und ging, wie auch schon in der Kirche, mit Sammelbüchsen herum.

Auch Pfarrer Kollar (Bildmitte) engagierte sich zusammen mit Frau Schinzel und Herrn Römer für das Caritas-Kinderhospital Bethlehem – Foto: Ulrich Nilles

„Das Martinsfest begehen heißt miteinander teilen.“ Den Worten von Pfarrer Kollar folgend wird der Erlös aller Einnahmen des Martinsabends wie seit vielen Jahren an das Caritas Kinderhospital in Bethlehem gespendet.

Martinsbretzel an die Kleinen von der Ortsgemeinde Bodenheim – Foto: Ulrich Nilles

Trotz ungemütlicher Temperaturen verharrten Erwachsene und Kinder dick vermummt bei wärmenden Getränken, Spiel und angeregter Unterhaltung noch einige Zeit auf dem Platz. Langsam löste sich dann die Versammlung auf, denn schließlich mussten Klein wie Groß am nächsten Tag wieder an ihrem Platz sein.

Ulrich Nilles