Seit vergangener Woche hat das Corona-Virus die Welt im Griff, nichts ist mehr, wie es war. Die Schulen sind geschlossen, viele Menschen arbeiten im Homeoffice, soziale Kontakte sind auf ein Minimum eingeschränkt. In den Nachrichten sehen und hören wir jeden Tag, was in China, Italien und den anderen stark betroffenen Ländern passiert. Wir aber wollen wissen, wie es in den Gemeinden unseres Verbreitungsgebietes aussieht und haben hierfür die Bürgermeister, Verbandsgemeindevorsteher und Ortsvorsteher befragt – unter anderem Dr. Robert Scheurer, der für die VG Bodenheim zuständig ist.

Journal LOKAL: Herr Dr. Scheurer, wie ist die Stimmung in Ihrer Verbandsgemeinde seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie?

Dr. Robert Scheurer: Die Mitbürger in Bodenheim, Nackenheim, Lörzweiler, Gau-Bischofsheim und Harxheim reagieren anerkennenswert diszipliniert. Klar muss man den einen oder anderen in der Öffentlichkeit noch darauf hinweisen, den empfohlenen Abstand von zwei Metern einzuhalten, aber daran müssen sich die Menschen ja auch erstmal gewöhnen.

JL: Welche Maßnahmen haben Sie in der Verbandsgemeinde ergriffen, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren? 

Dr. Robert Scheurer: Ich bin vergangene Woche gemeinsam mit dem Ordnungsamt durch die Geschäfte und Restaurants gegangen, um mit den Inhabern zu besprechen, wie sie den Einlass der Kunden so organisieren können, dass der Mindestabstand eingehalten werden kann. Wir haben sogar Markierungen zur besseren Orientierung angebracht. Leider sind einige Maßnahmen seit Sonntag schon wieder hinfällig, weil durch die Kontaktsperre viele Unternehmen ganz geschlossen bleiben müssen. Trotzdem war es sinnvoll, sich ein persönliches Bild vor Ort zu machen. Außerdem haben wir Menschen, die am Rhein grillen wollten, darauf hingewiesen, dass solche Aktivitäten derzeit nicht gestattet sind. Bislang haben alle sehr verständnisvoll reagiert, es gab keine Probleme.

JL: Gibt es kreative Lösungen zur Krisenbewältigung oder spontane Hilfsaktionen?

Dr. Robert Scheurer: Es haben sich viele Menschen zusammengefunden, die spontan Hilfsorganisationen gründeten. Darunter z.B. die Katholische Jugend Nackenheim (KJN) oder United Nackenheim, der Flüchtlingsarbeitskreis. Außerdem vernetzen sich die Bewohner der Verbandsgemeinde über die Internetplattform Digitale Dörfer. Was die Einzelunternehmen – z.B. Eisdielen, Reisebüros, Fotografen, all die Kleinunternehmer, die aktuell gar keine Einnahmen mehr haben – betrifft, würde ich mir sehr wünschen, dass ihnen Hilfe ohne jeglichen bürokratischen Aufwand angeboten wird. Auch sollten die Menschen nicht vergessen, ab und zu mal beim Lieferservice im Ort Essen zu bestellen, um die Gastronomie zu unterstützen. Wer Hilfe beim Einkaufen braucht, kann sich an den Bürgerbus wenden: aktuell fährt er nicht Personen durch die Gegend, sondern liefert Lebensmittel aus.

JL:  Was würden Sie sich von den Bürgern in Ihrer Verbandsgemeinde wünschen? 

Dr. Robert Scheurer: Ich appelliere in dieser besonderen Zeit an das Verantwortungsgefühl und die Solidarität der Mitbürger. Auch wenn das Wetter geradezu dazu auffordert, hinaus in die Sonne zu gehen: Bitte bleiben Sie zu Hause und vermeiden Sie soziale Kontakte! Und wenn Sie doch mal hinausgehen müssen, halten Sie bitte zwei Meter Abstand zu Ihren Mitmenschen und waschen Sie sich häufig die Hände.

JL: Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Appell die Menschen erreicht?

Dr. Robert Scheurer: Der Blick aus meinem Bürofenster auf den ansonsten gut besuchten Dollespark zeigt mir, dass sich die Menschen an die Einschränkungen halten, es gibt keine Menschenansammlungen. Auch wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, sehe ich unterwegs nur Einzelpersonen oder Pärchen, keine Gruppen. Alle halten freundlich Abstand zueinander und sind gut organisiert.

JL: Vor welchen durch das Virus ausgelösten Problemen stehen Sie als Bürgermeister? 

Dr. Robert Scheurer: Ich versuche gerade unter anderem gemeinsam mit den Ortsbürgermeistern der Verbandsgemeinde das Problem der Notbetreuung in den Kitas zu lösen. Aktuell dürfen nur Eltern, die systemrelevante Berufe ausüben, ihre Kinder abgeben. Es dürfen nicht mehr als fünf Kinder in einer Gruppe sein, da sonst die Ansteckungsgefahr zu groß ist. Das ist ein fast unlösbarer Spagat – einerseits müssen wir den Eltern in den entsprechenden Berufsgruppen die Kinderbetreuung ermöglichen, andererseits dürfen wir nicht riskieren, dass sie sich das Virus über ihre Kinder ins Haus holen.

JL: Was möchten Sie den Bürgern in Ihrer VG gern mitteilen? 

Dr. Robert Scheurer:  Ich möchte die einsichtigen Bürgerinnen und Bürger der Verbandsgemeinde Bodenheim loben, die vielen guten Geister, die unsere Gesellschaft am Leben erhalten, vom Personal in Krankenhäusern, Arztpraxen Apotheken und der Seelsorge, die im Einzelhandel unermüdlich Tätigen, die Notgruppen in Kindertagesstätten und Schulen betreuen bis zu den Verwaltungsmitarbeitern und zur Müllabfuhr.

JL: Vielen Dank für das Interview! Das Journal LOKAL wünscht Ihnen und Ihrem Team alles Gute und vor allem, dass Sie gesund bleiben!

INFO: Das Büro der Verbandsgemeindeverwaltung ist derzeit für Publikumsverkehr geschlossen, aber telefonisch erreichbar unter der 06135 72-0 oder per E-Mail: verwaltung@vg-bodenheim.de.

 

Das Interview führte Natacha Olbrich