Frau Rößner, wie erleben Sie als ausgebildete Kultur- und Medienwissenschaftlerin die Livekultur-arme Zeit während der Coronapandemie?

Die Kulturszene ist mit am stärksten betroffen von den Einschränkungen in der Coronakrise. Für die Kulturschaffenden wie auch für diejenigen, die im Veranstaltungsbereich arbeiten, sind die Einnahmen zum Teil komplett eingebrochen. Gleichzeitig sind Kunst und Kultur Nahrung für Körper, Geist und Seele. Umso schöner ist es zu sehen, dass mit großem Ideenreichtum neue Formate auf die Beine gestellt werden, um der Krise zu trotzen, wie das Festival „Kultur im Park“ oder Balkonkonzerte. Aber natürlich werden diese neuen Initiativen oder Online-Konzerte die Einnahmeverluste nicht auffangen können. Viele Menschen wollen sich auf Veranstaltungen nicht dem Risiko einer Ansteckung aussetzen.

Als Politikerin haben Sie sich spontan bereiterklärt, die Schirmherrschaft für die Veranstaltung „Kultur im Park“ zu übernehmen. Was hat Sie dazu bewogen?

Als man mich im Nachgang zu meinem Kultur-Talk im Juni fragte, ob ich die Schirmherrschaft übernehme, habe ich sofort zugesagt. Denn es ist wichtig, dass solche Initiativen unterstützt werden. Ich bin Kulturpolitikerin, ich komme aus dem kreativen Bereich, unsere Kulturlandschaft liegt mir sehr am Herzen. Und wir tragen als Politiker die Verantwortung, dass unsere kulturelle Vielfalt durch die Coronakrise nicht den Bach runtergeht. Die Schirmherrschaft ist für mich ein wunderbarer Weg, meine Arbeit als Politikerin mit meiner Leidenschaft für die Kultur zu verbinden. Außerdem finde ich das Engagement gerade junger Leute, die für die Musik brennen, bewundernswert.

Welche Bedeutung messen Sie solchen Initiativen bei, gerade während der Coronazeit?

Solche Initiativen sind enorm wichtig, damit unsere Kulturlandschaft einigermaßen unbeschadet aus der Corona-Pandemie hervorgehen kann. Viele einzelne Bausteine tragen zur Vielfalt der Kultur bei, wie bei einem Mosaik. Natürlich ist damit einiges an Arbeit und, wie immer, wenn man etwas Neues wie ein solches Open-Air-Festival etablieren möchte, mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich bin froh, dass sich gerade junge Kulturschaffende trauen, neue Wege zu gehen, nach vorne zu denken und damit Türen für die Zukunft öffnen.

Können Sie Empfehlungen etwa von kreativen Formaten an künstlerisch Tätige und auch an die Not leidende Veranstaltungsbranche aussprechen?

Tatsächlich gab es ja auch aus der Reihe der Veranstaltungsbranche einige Aktionen, um auf die Auswirkungen der Pandemie aufmerksam zu machen wie die „Night of Light“ im Juni (Journal LOKAL berichtete). Kultur- und Veranstaltungsbranche gehen ja Hand in Hand. Wichtig ist, dass sich diese sehr kleinteiligen Branchen besser vernetzen, um Synergien zu schaffen und sich gegenseitig zu stärken. Die Kreativwirtschaft ist auch ein wichtiger Wirtschaftszweig und setzt inzwischen mehr um als die Chemiewirtschaft. Darauf hinzuweisen, ist sicher wichtig, um auch mehr Unterstützung zu bekommen.

Die Maßnahmen von Bund, Land und Stadt zur Überbrückung der Corona-bedingten Einnahmeausfälle greifen oft nicht. Welche konkreten Anregungen können Sie dem künstlerischen Nachwuchs als stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags den künstlerischen Nachwuchs geben?

Gerade für junge, noch nicht so etablierte Kulturschaffende ist die aktuelle Situation enorm schwierig. Genau die brauchen wir aber, sie sind die Zukunft der Kunst- und Kulturbranche. Eine erste Anlaufstelle sind nach wie vor die Hilfsprogramme von Bund und Land, aber viele können auf diese Programme nicht zugreifen und werden an die Jobcenter verwiesen. Mit meiner Bundestagsfraktion habe ich für Soloselbständige eine pauschale Unterstützung in Höhe von 1.200 Euro gefordert. Daneben gibt es viele kleinere, meist spendenbasierte Initiativen auf regionaler Ebene, die versuchen, ergänzend Hilfestellung zu leisten. Da bin ich ebenfalls mit einer Initiative in Mainz aktiv geworden. Zudem fordern wir Grüne auf Bundesebene einen Kulturrettungsfonds, um Kunst- und Kulturschaffenden stärker zu unterstützen.

Wohin wenden sich Künstlerinnen und Künstler in dieser Situation?

Teilweise machen sie mit großangelegten Aktionen wie „Night of Light“ die Öffentlichkeit auf die Not ihrer Branche aufmerksam. Daneben wenden sich viele Kulturschaffende auch direkt an die Politik: mit Zuschriften und Forderungen, direkt an die Bundesregierung und an Kulturstaatsministerin Monika Grütters oder an die Ministerpräsidentin. Eine Vielzahl an Schilderungen von Einzelschicksalen hat auch mich erreicht. Was sich daneben beobachten lässt: eine stärkere Vernetzung der Kulturschaffenden untereinander. Das ist gut.

Erlauben Sie uns zum Schluss noch eine persönliche Frage: Hat die Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner überhaupt noch die Zeit, sich privat mit Musik zu beschäftigen?

Leider komme ich kaum noch dazu, selbst zu musizieren. Mein Cello ist schon viele Jahre verwaist, weil mir schlicht die Zeit fehlt. Hin und wieder setze ich mich ans Klavier oder spiele mit meinem Mann etwas Gitarre. Wann immer es mir mein Terminkalender erlaubt, gehe ich zu Konzerten, ins Kino oder in Ausstellungen. Jetzt in der Coronakrise ist es mir besonders wichtig, um die Künstler zu unterstützen. Und: Weil viele politische Veranstaltungen zurzeit ausfallen, habe ich für Konzerte im Moment tatsächlich etwas mehr Zeit.

Die Redaktion von „Journal LOKAL“ dankt Ihnen herzlich für das Interview.

Die Fragen stellte Ulrich Nilles