Robin Balser – Erfinder und Chef von VinoKilo sprüht über vor Energie und Ideen zum Thema Nachhaltigkeit und Kleidung.
Foto: VinoKilo

BODENHEIM – Vintage-Stil bedeutet Kleidung älteren Datums, wobei dabei die Idee von einer gewissen Wertigkeit (wie bei alten Weinen) mitschwingt. Secondhand sind gebrauchte Kleidungsstücke. Aus beiden Begriffen wird das Konzept von VinoKilo – dem Bodenheimer Startup Unternehmen, das der Kuemmerling Halle wieder Leben eingehaucht hat.

Ein gigantisches Lager mit schier unendlich vielen gebrauchten Kleidungstücken, alles fein sortiert über drei Ebenen oder ordentlich auf rollbaren Kleiderständern aufgehängt. Alles gebrauchte Kleidung, zusammengetragen aus ganz Europa. Aber wie kommen diese Teile nach Bodenheim?

Robin Balser – Chef und 2016 Erfinder von VinoKilo: „Wir haben in 50 Sammelbetrieben in ganz Europa unsere Scouts, die die dort eingehenden Kleidungsteile sichten und für uns sammeln. Von uns definierte Warenbeschreibungen helfen den Scouts bei der Auswahl. Die Kleidung wird vor Ort gereinigt und dann per Spedition nach Bodenheim gebracht. Die Transportbeutel aus Kunststoff gehen an eine Firma und werden dort zu neuen Gegenständen verarbeitet.“

Im Lager Bodenheim – im sogenannten „Warehouse“ – werden die Kleidungsstücke sortiert: Sommer und Winter; Hemden oder Blusen; Jacken / Mäntel und Sakkos; Kleider usw. Alle Teile kommen auf Bügel, werden registriert und eingelagert. Alle Lagergegenstände sind gebraucht gekauft worden – auch hier Nachhaltigkeit.

„Aus den Niederlanden kenne ich das Konzept, Kleidung nach Gewicht zu verkaufen. Kleidung begleitet mich schon seit vielen Jahren – auch in den Niederlanden, da hatte ich ein Klamotten-Tauschgeschäft. Bin 2015 wieder nach Mainz gezogen und hab in einer Wohnung mit den Restteilen aus dem Geschäft mein erstes Event veranstaltet,“ so Robin Balzer.

„Es kamen 450 Personen, es gab auch was zu Essen und zu Trinken. Am Ende kam die Kleidung auf die Waage und wurde verkauft. Da auf den Kilosale-Events auch Wein ausgeschenkt wird, kam er auf den Namen VinoKilo: Eben Kleiderkauf mit besonderem Genusserlebnis!“

Bald platzte das Lager in Mainz aus allen Nähten, da bot sich das leerstehende Gebäude von Kuemmerling an und VinoKilo zog ein. Hier lagert alles Material, es werden die Verkaufs-Events vorbereitet. „Wir mieten in großen Städten leere Hallen mit bis zu 1.000 qm, suchen Partner für Live-Cooking oder Food Trucks und Live-Music. Für das Publikum in der jeweiligen Stadt und der Jahreszeit entsprechend wird Kleidung im Warehouse kommissioniert und durch unsere Transporter zum Event-Ort gebracht.

Insgesamt sind wir mit 10 bis 12 Mitarbeitern – einem aus Bodenheim – dabei,“ betont er stolz. „Ca. 50 % der Ware werden verkauft, der Rest in Bodenheim wieder eingelagert, zurück in den Kreislauf. Wir reden von 200 Tonnen Kleidung im Jahr. Aber es geht uns vor allem darum, dass die Menschen einen schönen Tag erleben und sich der Secondhand Gedanke weiter durchsetzt! Immer mehr Menschen haben das Bedürfnis, sich individuell, extravagant und einzigartig zu kleiden. Qualität steht vor Quantität.“

Ware, die vom Material her schwer ist, beinhaltet auch viel Rohstoffe. Ware, die besonders im Sommer getragen wird, ist leicht – was auch den Wareneinsatz betrifft. Durch den Verkauf per Kilo / Gewicht wird diesem Wareneinsatz Rechnung getragen, der Preis wird dadurch reell.

Üblicherweise finden ca. 200 Vino-Kilo Events europaweit pro Jahr statt – dieses Jahr gab es durch Corona einen Einbruch von 92 % ! Also wird der e-commerce Bereich ausgebaut. Mehrere Mitarbeiter fotografieren die Kleidung und setzen sie auf die Website. Zusätzlich werden auch Models eingekleidet und fotografiert.

Trotz Corona sind alle 45 Mitarbeiter am Standort Bodenheim tätig. Sie kommen aus 17 Nationen – deshalb wird meistens Englisch gesprochen. „Wir geben auch Flüchtlingen eine Chance – bieten Deutschkurse und andere Hilfe an. Wir schauen, dass sie eine berufliche Möglichkeit bekommen und sehen viel Potential bei ihnen. Unsere Strukturen und Abläufe sind alle auf Englisch, das ist einfacher für alle“ sagt Robin Balzer. „und ja: wir suchen weitere Mitarbeiter auch am Standort Bodenheim.“

„Wir wollten im November einen Tag der Offenen Tür in unserem Warehouse veranstalten. Bodenheimer sollten unsere Gäste sein – Corona hat uns das Kennenlernen verhindert“ bedauert Robin Balzer.

Ein Blick auf die VinoKilo Website lässt aufhorchen: Die Fashion Industrie ist verantwortlich für 10% der jährlichen, globalen CO2-Emissionen. 85% aller Textilien werden entsorgt. Vintage schenkt einem Kleidungsstück ein zweites Leben, nachdem es handverlesen und gewaschen wurde. Es wird für jemand anderes ein „NEW NEW“ und setzt seine Geschichte fort. „Wir glauben daran, dass Secondhand die Lösung ist und unzählige Möglichkeiten bietet. Du kannst stilvoll und nachhaltig sein,“ so Robin Balser. Kein Wunder, dass mehrere Start-Up Preise bereits seine Vitrine zieren.

Wolf-Ingo Heers