NIERSTEIN – „Wieder eine gute Nachricht in Sachen Restaurierung unserer Archivalien. Wir erhalten erneut einen Landeszuschuss“, freut sich Dr. Susanne Bräckelmann, zweite Vorsitzende des Geschichtsvereins Nierstein und zugleich Archivbeauftragte der Stadt Nierstein. Weitere 16.500 Euro stehen für die Aufarbeitung der teils stark geschädigten Papiere aus dem 18. Jahrhundert zur Verfügung. 90 Prozent dieser Summe kommen vom Land Rheinland-Pfalz aus dem Förderprogramm „Bestandserhaltung für das Jahr 2021“, zehn Prozent zahlt der Geschichtsverein, der hierfür neben eigenen Mitteln auch zweckgebundene Spenden einsetzen kann.

„Damit können wir einen weiteren Teil der historisch wertvollen Gerichtsprotokolle restaurieren lassen,“ erläutert Bräckelmann. Diese Protokolle stehen zurzeit im Mittelpunkt des Restaurierungsprojekts. Für die Zeit von 1705 bis 1798 liegen sie in Nierstein nahezu lückenlos vor und stellen damit eine wahre Fundgrube für unterschiedlichste Forschungen dar: für Wissenschaftler, die Quellenmaterial für rechts-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen suchen ebenso wie für Historiker, die sich mit der bislang kaum erforschten Geschichte der Weinbaugemeinde Nierstein im 18. Jahrhundert befassen oder auch für Familienforscher auf den Spuren ihrer Ahnen. Die Inhalte sind vielfältig, reichen von Zivilprozessen einzelner Bürger über Angelegenheiten der Gemeinde, wie Grenzstreitigkeiten, Rheinbau oder Polizeiverordnungen, bis hin zu Einblicken in damalige Kriege und politische Konflikte, wenn es beispielsweise um die Rekrutierung von Soldaten geht oder die Versorgung französischer Truppen, die im Ort einquartiert waren.

Ein Teil der restaurierungsbedürftigen Gerichtsprotokolle konnte bereits im Jahr 2020 aufgearbeitet werden. Hierfür standen insgesamt 63.000 Euro zur Verfügung. Im Einzelnen waren dies: 26.500 Euro Fördermittel des Bundes (Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts KEK, Berlin), 15.000 Euro Fördermittel des Landes (Landesstelle Bestandserhaltung LBE, Koblenz), 11.500 Euro vom Geschichtsverein Nierstein (darunter 10.000 Euro zweckgebundene Spenden) und 10.000 Euro aus dem Haushalt der Stadt Nierstein (2019, 2020). Die Stadt ist Eigentümerin des Niersteiner Stadtarchivs, das im Landesarchiv Speyer (Bestand U 178) verwahrt wird. Der Geschichtsverein hat es übernommen, sich ehrenamtlich um die Organisation der notwendigen Restaurierung zu kümmern. Für Hans-Peter Hexemer, erster Vorsitzender des Vereins, entsteht so eine Win-Win-Situation. „Die Stadt profitiert von den Aktivitäten des Geschichtsvereins, weil das städtische Archivgut nun Zug um Zug in einen perfekten Zustand gebracht wird. Die Stadt kann sich glücklich schätzen, dass der Geschichtsverein sich seit 2017 so intensiv und erfolgreich um das Stadtarchiv kümmert. Zugleich profitieren Geschichtsverein und historische Forschung dadurch, dass durch die Restaurierung bisher nicht verfügbare Quellen nun zugänglich sein werden.“

Mit Blick auf die zu Beginn geschätzten Kosten in Höhe von rund 71.000 Euro erwies sich diese Aufgabe im Laufe der Zeit als deutlich größer als zunächst angenommen. Zum einen beruht jede Kostenschätzung auf Erfahrungswerten der Fachbetriebe, da man die Schäden im Detail erst bei der Restaurierungsarbeit in der Werkstatt selbst beziffern kann. Zum anderen umfasste diese Schätzung nur etwa die Hälfte aller zu restaurierenden Akten. Die Archivalien, die für das 2016/17 aktualisierte Findbuch inhaltlich erfasst werden konnten, aber aufgrund von Papierschäden für die Nutzung gesperrt sind, blieben bei dieser Schätzung außen vor. „Es liegt also noch viel Arbeit vor uns“, meint Susanne Bräckelmann, die sich daher für den Geschichtsverein auch weiter um Fördermittel bemühen wird.

Aud Hoßbach-Appelmann