NIERSTEIN – Langsam füllte sich die Corona-gerechte Bestuhlung vor dem Atelier von Eckhard Meier-Wölfle. Ulli Becker und Fritz Vollrath richteten ihre Instrumente ein und Johanna Stein warf einen letzten Blick auf ihr Manuskript. Pünktlich um Acht eröffnete Gastgeber Eckhard Meier-Wölfle den achten Irischen Abend in Rahmen der Niersteiner Reihe „Kultur um 8“.

Dann referierte die Buchautorin und Irland-Expertin Johanna Stein kenntnisreich zur Geschichte des Nordirlandkonflikts. Dessen Ursprünge reichen bereits ins 12. Jahrhundert zurück, als Anglo-Normannen versuchten, dort eine Fremdherrschaft zu etablieren. Vierhundert Jahre später unterstellte Heinrich VIII die Insel der englischen Krone. Sein Nachfolger begann mit den Plantations, der Umsiedlung von Engländern und Schotten. Zwischen 1649 und 1653 kolonisierte Oliver Cromwell Irland unter Begehung unfassbarer Grausamkeiten. Strafgesetze (Penal Laws) regelten die wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Unterdrückung der Bevölkerung.

Die Folgen der Schlacht am Fluss Boyne wirken bis in die Gegenwart nach: heute noch feiert der protestantische Oranier-Orden den 1690 errungenen Sieg Wilhelms von Oranien über den katholischen Jakob II., wenn er zynischer Weise durch katholische Wohngebiete zieht. Den bis heute gültigen Status quo zementierten dann die Ereignisse nach dem Osteraufstand 1916: Der neue irische Freistaat erhielt eine eigene Regierung, musste dabei allerdings die nordirische Provinz an England abgeben.

Immer wieder kommentierten Ulli Becker und Fritz Vollrath die Inhalte des Vortrags musikalisch mit ausgewählten Beiträgen. Sind doch die Iren wie kaum ein anderes Volk dafür bekannt, ihre leidvolle Geschichte in einer enormen Zahl von Liedern zu verarbeiten. Von der irischen Bouzouki oder Gitarre begleitet sangen die beiden u. a. das Lied „Four Green Fields“, in dem Mutter Irland den Verlust eines Kindes, der Provinz Ulster, beklagt. „The Rising of the Moon“ nimmt Bezug auf einen der vielen Bauernaufstände gegen die englischen Unterdrücker. Und „The Foggy Dew“ reflektiert den oben genannten Osteraufstand.

Intime Atmosphäre beim Irischen Abend in Nierstein. Foto: Ulrich Nilles

Die Entrechtung der in Nordirland lebenden Katholiken eskalierte dermaßen, dass Dauerunruhen in den späten 60-ern ausbrachen, die bis in die späten 90-er andauerten. Die euphemistisch als „Troubles“ bezeichneten Freiheitskämpfe der IRA in Nordirland bestanden aus zahllosen Bombenanschlägen und Attentaten mit hunderten von Opfern. Der von den beiden Musikern vorgetragenen Rebel-Song „Black and Tans“ vermittelte einen Eindruck über die aufgeheizte und kampfbetonte Stimmung. Erst das Good-Friday-Agreement am Karfreitag 1998 ermöglichte es, dem Morden ein hoffnungsvolles Ende zu setzten. Die freiwillige Entwaffnung der IRA war allerdings erst 2005 abgeschlossen.

Den letzten Teil ihres kurzweiligen Vortrags widmete Johanna Stein dem nordirischen Aktivisten Bobby Sands. 1954 in Belfast geboren führte er zunächst ein normales Leben. Nach traumatischen Erfahrungen mit protestantischen Gewalttätern radikalisierte er sich und wurde 1972 Mitglied der IRA. 1977 wurde Sands im berüchtigten Maze-Gefängnis festgesetzt, wo er 1981 an den Folgen eines Hungerstreiks starb. Zwei Monate zuvor war er als regulärer Abgeordneter in das britische Unterhaus gewählt worden.

Sands autobiographische Texte sind für ganz viele exponierte Beispiele in diesem grausamen, über Jahrhunderte andauernden Konflikt. Im Vorwort wird der anglikanische Theologe Dr. John Austin Baker zitiert: „Unsere Ungerechtigkeit hat diese Situation geschaffen … das ist die Wurzel der Gewalt …“ (Bobby Sands – Ein Tag in meinem Leben). Den versöhnlichen Abschluss dieses nachdenklich stimmenden Abends bildete der Hoffnung verbreitende Song „All the Little Children“.

Ulrich Nilles