NIERSTEIN – Es muss nicht immer Frankfurt, Hamburg oder Berlin sein, um Kultur zu erleben. Beispiel gefällig? So fand bereits zum achten Mal am 21. Juni 2022 im Atelier Maier-Wölfle in Nierstein der Irische Abend statt. Diesjähriges Thema: Die Wiederbelebung (revival) alter keltischer Musik- und Kunsttraditionen im Irland des 19. Jahrhundert.

Mit dem irischen Evergreen „Molly Malone“ eröffneten Fritz Vollrath (Gitarre, Bouzouki, Gesang) und Ulli Becker (Gitarre, Tinwhistle, Gesang) den Abend musikalisch. Mitten ins Thema führte der Song „Tom Paine’s Bones“, der maßgeblich die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten beeinflusst“, erklärt Fritz Vollrath und Johanna Stein ergänzt: „Der Kampf um politische Unabhängigkeit von England und um Menschenrechte sind Leitmotive der irischen Geschichte.“

Zum Hintergrund: Bereits im 17. Jahrhundert untersagte die englische Königin Elisabeth I. (1533-1603) irische Musik und die höfische Tradition des Harfenspiels als Quelle irischen Nationalismus bei Todesstrafe. Durch die sukzessive Einführung der „penal laws“ (Strafgesetze) zwischen 1695 und 1829 wurde die überwiegend katholische Bevölkerung Irlands völlig entrechtet. Um überhaupt eigene Kultur zu pflegen, bildeten sich ein feines Netzwerk, das im Untergrund agierte.

Identitätsstiftend waren Geschichten und Mythen wie z. B. die von „Larry Linchy mit dem Pferdekopf“, die die Referentin vortrug.  Danach stellte sie den Roman „At-Swim-Two-Birds“ (1939) von Brian O’Nolan vor, in dem verschiedene Quellen früher irischer Literatur nachgewiesen sind und verulkt werden.

Ebenso wichtig war die Musik, die vermutlich vor 2000 Jahren mit den Kelten nach Irland kam. Erstmals 1762 gaben die Neal Brothers aus Dublin 49 „Traditionales“ heraus. Weitere Aufzeichnungen erfolgten 30 Jahre später durch Richard Bunting während des „Belfast Harp Festivals“. Beide zählen noch heute zu den wertvollsten Quellen des Irish Folk. Und schließlich trugen die während der Großen Hungersnot (1845-1849) ausgewanderten Iren zum Wiederaufleben ihrer Musik in ihrer Heimat bei.

Ulli Becker und Fritz Vollrath illustrierten den Vortrag immer wieder musikalisch, so in dem Sehnsucht nach der Heimat besingenden „Carrigfergus“, dem Wunsch nach Freiheit in „When Apples still grow in November“, oder „Salley Gardens“, einem wehmütigen Liebeslied. In „Stolen Child“ kommt der lange noch existierende Feenglaube zum Ausdruck. Und der Song „Leaving of Liverpool“ befasst sich mit der Auswanderungswelle während der Großen Hungersnot.

Einen Wendepunkt brachte schließlich die Französische Revolution, die um 1820 die Grüne Insel erreichte. Der irische Anwalt und Politiker Daniel O’Connell startete unter dem Schlagwort „Katholische Emanzipation“ eine Kampagne und erreichte 1829 die Aufhebung vieler Sanktionen. Damit politisierte sich das irische Volk zunehmend und besann sich auf seine kulturellen Wurzeln.

Abschließend erläuterte Johanna Stein die Bedeutung der keltischen und frühchristlichen Kunst, leicht erkennbar an den Flechtmustern, Triskelen, Spiralen, keltischen Knoten und verschachtelten Dreiecken. Der Jungendstil an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bediente sich reichlich an diesen Vorbildern.

Den Schlusspunkt setzten schließlich Ulli Becker und Fritz Vollrath mit temperamentvollen Songs wie „Whisky in the Jar“ und dem „Wild Rover“, den das Publikum begeistert mitsang. Eben gelebte Kultur vor Ort.

Mittlerweile ist der Irische Abend übrigens so beliebt, dass er am 26. Juli wiederholt wird.

Ulrich Nilles