Start Rheinhessen Ingelheim Das Schicksal kann auch heller klingen Das Jugendsinfonieorchester der Tonhalle Düsseldorf gastierte...

Das Schicksal kann auch heller klingen Das Jugendsinfonieorchester der Tonhalle Düsseldorf gastierte in der kING

Das Jugendsinfonieorchester der Tonhalle Düsseldorf gastierte mit Werken von Bizet, Mozart und Tschaikowski in der Ingelheimer kING. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

INGELHEIM – Der Solist schien sich an seinen eigenen Tönen zu erfreuen. Und das Publikum mit ihm. In Mozarts Oboenkonzert zog Guo Yu das Jugendsinfonieorchester der Tonhalle Düsseldorf in seine Bahnen. Seine Melodielinien entwickelten eine Sogwirkung, der die jungen Musiker folgten. Ein virtuoses Spiel mit einer Leichtigkeit die geeignet war, vergessen zu lassen, wie anspruchsvoll es war.

Oboist Guo Yu zog mit seinem virtuosen Spiel in Mozarts Oboenkonzert das Orchester und das Publikum in seinen Bann.
Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Gelegenheit, die Körpersprache der jungen Menschen an den Instrumenten zu verfolgen

Die Ingelheimer Kultur und Marketing GmbH (IKuM) vernachlässigt die Bemühungen nicht, klassische Musik in Ingelheim zu etablieren. Zwar bliebt diesmal der Saal der Kultur- und Kongresshalle (kING) nicht voll besetzt. Dabei zeigte das Konzert unter der Leitung von Luke Pan, wie gut sich die Akustik des Raumes und die audio-technische Ausstattung für dieses Repertoire eignet. Einzelne Instrumente ließen sich klar heraushören, das Zusammenspiel blieb differenziert hörbar. Hinzu kam die Nähe zur Bühne. Die Gelegenheit, die Körpersprache der jungen Menschen an den Instrumenten zu verfolgen, erlaubte dem Publikum, das Konzert mit einem optischen Mehrwert zu erleben.

Mit der Ouvertüre zu Georges Bizets Oper „Carmen“ hatte das Orchester den Abend eröffnet. Anschließend bereitete eine Einführung das Publikum auf das weitere Programm vor. Der Sprecher, einer der Musiker, spannte einen Bogen vom spanischen Temperament über den Dialog zwischen Oboe und Orchester bei Mozart bis zum Kampf mit dem Schicksal in Tschaikowskis fünfter Sinfonie.

Mozart behandle die Oboe beinahe wie eine Opernsängerin

Mozart behandle die Oboe beinahe wie eine Opernsängerin, hieß es. Sie singe, plaudere und flirte mit dem Orchester. Den Solopart übernahm der nach Angaben der Einführung erst 17-jährige Guo Yu. Er löste das Versprechen in seinem Spiel ein: die Freude an den musikalischen Einfällen, den feinen Humor und die Virtuosität. Das Publikum holte ihn mit anhaltendem Applaus zweimal auf die Bühne zurück. Er dankte mit einer Zugabe.

Gespannt wartete das Publikum auf den zweiten Teil und begrüßte das Orchester nach der Pause mit auffallend herzlichem Applaus. Nun stand Pjotr Iljitsch Tschaikowskis fünfte Sinfonie e-Moll op. 64 auf dem Programm. Das 1888 entstandene Werk durchzieht ein Schicksalsmotiv, das die Klarinetten in der langsamen Einleitung vorstellen.

Schon in der Einführung hatte der Musiker unterschiedliche Lieblingsstellen innerhalb des Orchesters angesprochen. Als Trompeter bevorzuge er das Finale, in dem aus Trauer Zuversicht werde. Die Hornisten würden vermutlich das Hornsolo im zweiten Satz nennen. Musik berühre eben jeden auf andere Weise.

Dirigent Luke Pan nach dem Schlussakkord: Er führte die jungen Musiker durch das Konzert in der kING.
Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

War das Schicksal plötzlich nicht mehr so bitter und traurig?

Im Finale kehrte das anfangs dunkle Motiv in einem strahlenden Dur-Klang zurück. War das Schicksal plötzlich nicht mehr so bitter und traurig? Unter Luke Pans Leitung setzten sich die jungen Musiker mit diesen wechselnden Stimmungen auseinander.

Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal bleibt nicht dem hohen Alter vorbehalten, dem Rückblick auf ein langes Leben und seine überwundenen Widrigkeiten. Tschaikowskis Sinfonie färbten die jungen Musiker und Musikerinnen mit dem Temperament, mit dem sie auf die Hoffnung bei der Überwindung von Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen setzen. Ihre Erfahrungswelt klang in der Musik mit einem impulsiven, bisweilen expressiven Ausdruck mit.

„Wir müssen nicht alle gleich sein, um etwas Großes auf die Bühne zu bringen“

Dazu passte der Gedanke aus der Einführung, klassische Musik gehöre in kein Museum. Sie lebe davon, dass jede Generation sie neu höre, verstehe und mit ihrer eigenen Geschichte fülle. Im Orchester komme zusammen, was auch gesellschaftlich gelingen müsse: Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Perspektiven hörten einander zu, nähmen Rücksicht und fänden einen gemeinsamen Klang.

Über den richtigen Einsatz werde dabei durchaus gestritten. „Wir müssen nicht alle gleich sein, um etwas Großes auf die Bühne zu bringen“, sagte der Musiker eingangs. Das Orchester wolle für Vielfalt, gegenseitigen Respekt, Solidarität sowie die Freiheit und Sicherheit der Menschen stehen.

Im Schlussapplaus, der lange anhielt, würdigte das Publikum nicht nur die hervorragende Darbietung, sondern vermutlich auch diese Haltung der Orchestermitglieder, die in Ingelheim zwischen den Tönen mitschwang.

Gregor Starosczyk-Gerlach

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein