
ESSENHEIM – Für einige Stunden gehörte ein Abschnitt der L 426 den Radfahrern. Zahlreiche Erwachsene und Kinder waren am Sonntag mit ihren Fahrrädern nach Essenheim gekommen, um auf der für den Autoverkehr gesperrten Landesstraße für einen Radweg zu demonstrieren, der seit mehr als 35 Jahren gefordert wird. Bühne, Informationsstände der Fahrradverbände und später immer wieder Radfahrer, die die Straße auf und ab fuhren, machten aus dem Protest das von Essenheims Ortsbürgermeister Winfried Schnurrbus (parteilos) angekündigte „Happening“.

„Go für Anfang 27“
Ausgerechnet bei dieser Demonstration gab es eine Nachricht, die das Ziel der Aktion ein gutes Stück näher rücken könnte: Nach Angaben der CDU-Landtagsabgeordneten Marie Wasem steht aus dem rheinland-pfälzischen Verkehrsministerium das „Go für Anfang 27“.
Doch der Reihe nach: Dass Schnurrbus und die Mitstreiter dennoch nicht vorschnell den Erfolg ausriefen, hat mit der langen Vorgeschichte zu tun. Seit 1990 werde der Radweg entlang der L 426 gefordert, erinnerte der Ortsbürgermeister. Seit seinem Amtsantritt 2019 habe er immer wieder Gespräche mit dem Landesbetrieb Mobilität (LBM) geführt und zahlreiche Zusagen erhalten. Bei einer Veranstaltung am 3. März 2021 in Stadecken-Elsheim sei schließlich ein Baubeginn für 2024 in Aussicht gestellt worden. „Wenn ich mich nicht täusche, ist heute 2026“, kommentierte Schnurrbus trocken.
Vorhaben verzögert sich wegen finanzieller Einschränkungen erneut
Zuletzt hatte der LBM Worms den Landkreis Mainz-Bingen, die VG Nieder-Olm sowie die betroffenen Ortsgemeinden darüber informiert, dass sich das Vorhaben wegen finanzieller Einschränkungen erneut verzögert. Hintergrund ist eine Anpassung des landesweiten Bauprogramms für Landesstraßen und Radwege. Gestiegene Bau- und Energiepreise machten nach Angaben des LBM eine neue Priorisierung notwendig.
Für Schnurrbus war diese Entwicklung der Anlass, mit Unterstützung der Verbandsgemeinde die Fahrraddemonstration anzumelden. Auf die Frage, warum der Protest nicht auf dem Essenheimer Marktplatz stattfinden könne, habe er bereits im Vorfeld eine klare Antwort gegeben: „Auf dem Marktplatz hört man uns nicht, hier spielt die Musik.“ Der Gemeinderat habe die Aktion einstimmig unterstützt. Es gehe um Verkehrssicherheit, eine bessere Verbindung nach Mainz und darum, mehr Menschen den Umstieg vom Auto auf Fahrrad und öffentlichen Nahverkehr zu ermöglichen.

„Gut Ding will Weile haben, aber die Weile ist jetzt rum“
Unterstützung erhielt Schnurrbus aus Stadecken-Elsheim, dem anderen Ende der geplanten Verbindung. Ortsbürgermeister Sönke Krützfeld (SPD) kritisierte die immer neuen Planungen und Verschiebungen. Irgendwann werde das Sprichwort „Gut Ding will Weile haben“ angesichts der jahrzehntelangen Vorgeschichte zum „blanken Zynismus“. Seine Forderung: „Gut Ding will Weile haben, aber die Weile ist jetzt rum.“
Dass der Frust über die jüngste Entwicklung bis in die Reihen der Landespolitik reicht, machte Nina Kinkel (SPD) deutlich. Seit zehn Jahren begleite sie das Vorhaben. Gemeinsam mit Grünen und FDP sei es gelungen, den Radweg zunächst im Investitionsprogramm und anschließend im Landesstraßenbauprogramm unterzubringen. Danach habe die Erwartung bestanden, dass die Bagger tatsächlich rollen könnten. Kinkel selbst habe öffentlich immer wieder für diese Perspektive eingestanden: „Ich war die, die in der Presse immer gesagt hat: Es kommt.“ Von der neuerlichen Verschiebung habe sie schließlich ebenfalls „aus der Zeitung“ erfahren.
Wasem zeigt sich angesichts der Unterstützung von CDU, SPD und Grünen zuversichtlich
Umso größere Aufmerksamkeit erhielt die Nachricht, die Wasem mit nach Essenheim brachte. Die CDU-Abgeordnete hatte nach eigenen Angaben angesichts der Verschiebung im Staatssekretariat nachgehakt. Sie habe ausdrücklich keine weitere Botschaft überbringen wollen, die ein Jahr später wieder zurückgenommen werden müsse, sondern nach einem konkreten Zeitplan gefragt. Daraufhin habe sie die Auskunft erhalten, „dass das Go für Anfang 27 steht aus dem Verkehrsministerium“. Der Radweg sei im vorgesehenen Doppelhaushalt enthalten. Dieser muss allerdings noch parlamentarisch beraten und beschlossen werden. Wasem zeigte sich angesichts der Unterstützung von CDU, SPD und Grünen zuversichtlich, dass 2027 nicht erneut demonstriert werde, sondern die Bagger beim Bau beobachtet werden könnten.
Wie notwendig die Verbindung aus Sicht der Befürworter ist, wurde bei der Demonstration mehrfach anschaulich. Wasem, selbst Rennradfahrerin, berichtete, sie habe erwogen, mit dem Fahrrad zu kommen. Mit einem kleinen Kind sei ihr die Fahrt auf der L 426 jedoch zu gefährlich gewesen. Auch ein Vertreter des ADFC, der am Morgen von Mainz nach Essenheim geradelt war, bezeichnete gerade den letzten Abschnitt angesichts des Autoverkehrs selbst für erfahrene Radfahrer als gefährlich.

Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach
Vorhandene Strecken zu einem alltagstauglichen Netz zu verbinden
Dabei geht die Diskussion für die Fahrradverbände über den einzelnen Radweg hinaus. ADFC-Vertreterin Amelie Döries bezeichnete das bestehende Radwegenetz als „Flickenteppich“. Entscheidend sei, vorhandene Strecken zu einem alltagstauglichen Netz zu verbinden, das von Pendlern ebenso genutzt werden könne wie von Kindern auf dem Weg zur Schule, zu Sportstätten oder zu Freunden. Rolf Pinckert vom ADFC Mainz-Bingen verwies auf das Radwegekonzept des Landkreises aus dem Jahr 2017. Nach seiner Einschätzung sei bislang höchstens ein Fünftel der darin vorgesehenen Maßnahmen umgesetzt. Zugleich forderte er eine stärkere Zusammenarbeit von Landkreis, Verbandsgemeinden, Ortsgemeinden und der Stadt Mainz: „Sprecht miteinander. Macht was fürs Rad.“
„Wir können Markierungen machen, aber wir können keine neuen Wege bauen selber“
Dass entsprechende Planungen vorhanden sind, unterstrich auch Rainer Malkewitz, Beigeordneter der Verbandsgemeinde (VG) Nieder-Olm. Das Radverkehrskonzept der VG umfasse gut 150 Maßnahmen. Bei kleineren Projekten wie Markierungen oder Beschilderungen seien auch die Kommunalpolitiker vor Ort gefragt. Beim Radweg entlang der L 426 stoße die Verbandsgemeinde jedoch finanziell an ihre Grenzen. Während für eigene Maßnahmen jährlich einige Zehntausend Euro zur Verfügung stünden, gehe es bei einem solchen Neubau um Millionen. „Wir können Markierungen machen, aber wir können keine neuen Wege bauen selber“, sagte Malkewitz. Hier sei das Land gefordert.
Für die VG besitzt die Verbindung vor allem wegen der Anbindung an Mainz große Bedeutung. Viele Menschen arbeiteten dort, besuchten dort Schulen oder wollten mit dem Fahrrad in die Stadt gelangen. Derzeit seien dafür Umwege erforderlich. Die L 426 könne dagegen, so Malkewitz, eine „sichere, kurze, schnelle Verbindung“ schaffen und damit insbesondere den Pendlerverkehr unterstützen.

Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach
Aktion auch aus der Luft für die mediale Berichterstattung aufgenommen
Genau diese Verbindung machten die Teilnehmer der Demonstration für einige Stunden plakativ. Nach den Redebeiträgen fuhren Erwachsene und Kinder über die gesperrte Landesstraße, während die Aktion auch aus der Luft für die mediale Berichterstattung aufgenommen wurde. Der Protest sollte Bilder produzieren und damit den politischen Druck erhöhen.
Dörries kündigte jedenfalls an, der ADFC werde wieder vor Ort sein, wenn der erste Bagger anrücke – dann allerdings für ein Foto vom Beginn der Bauarbeiten.
Gregor Starosczyk-Gerlach






















