
MAINZ – Es ist 20 Uhr. Die Nacht legt sich über Mainz. Es bleibt aber nicht ganz dunkel. Da wächst plötzlich der Schatten eines Menschen vor dem Dom meterhoch über eine Fassade. Die Gesichter tauchen aus dem Dunkel auf: mal rot, mal blau, mal weiß oder gepunktet. Die Menschen, die in die Innenstadt zum Late Light Festival kommen, werden selbst Teil eines Lichtspiels. An der Wand der Gotthardkapelle tritt die Figur des Bonifatius als Schattenriss hervor. Bei „Mainz leuchtet“ spielt sich an diesem Abend manches Spektakel abseits der eigentlichen Shows ab.
Natürlich sind es zunächst die großen Illuminationen der markanten historischen Gebäude, für die die zahlreichen Besucher durch die belebte Innenstadt ziehen. Farbige Ziffern zählen an einem Dutzend ausgewählter Fassaden wie dem Osteiner Hof, dem Staatstheater oder dem Brückenturm die Sekunden herunter: 00:03, 00:02, 00:01 und die nächste Show beginnt. Licht erklimmt die Architektur, verändert ihre Formen und verschwindet wieder.
Zum vierten Mal findet das dreitägige „Mainz leuchtet – The Light Festival“ statt. Die Projekte mit Lichtkunst, Projektionen, Klang und Inszenierungen wurden von Studenten des Studiengangs Zeitbasierte Medien der Hochschule Mainz im Kurs „Mainz leuchtet“ entwickelt.
Doch das Licht hält sich nicht starr an das Programm. Wo Lichtstrahlen auf Personen treffen, verändern sich die Dimensionen: Riesengestalten klettern über die Wände und Fassaden. Das Schauspiel fesselt besonders gut auf dem Marktplatz. Die vertraute Innenstadt sieht anders aus. Mainz wirkt an den Abenden anziehend bunt.
Die Besucher helfen gerne bei dem vierten Festival nach. Händler verkaufen LED-beleuchtete Einhörner und andere Lichtfiguren, die Kinder durch die Straßen tragen oder die an Kinderwagen durch die Menge fahren. Ein Mann kommt mit selbst gebastelten Lichterketten um den Hals in die Stadt. Die Idee von „Mainz leuchtet“ hat da die Projektoren verlassen.
An der Ostfassade des Doms geht es optisch imposant, aber auffallend ruhig zu. Symmetrische Figuren wandern über das Bauwerk, zeitweise verschwindet die Fassadenform komplett. Über der Stadt hängt der runde Mond. Dazu erklingt Musik, ganz dezent, aber gut hörbar: kein Lärm, der sich in den Vordergrund drängen würde. Die Geräuschkulisse bilden Gespräche und Töne wie „Oh“ und „Ah“ aus der Menge, und natürlich der Applaus nach den Shows. Dazwischen gehen immer wieder die Smartphones nach oben. Viele halten fest, was vor ihnen geschieht.
Heute Abend (26. September) geht das dreitägige Festival zu Ende. Die großen Projektionen sind dann ein letztes Mal zu sehen. Was ihr Licht mit Menschen, Schatten und der Stadt macht, gehört zu den überraschenden Eindrücken von „Mainz leuchtet“.
Autor: Gregor Starosczyk-Gerlach





















