
HAMÜ – Alle Hände gehen hoch. Wer besitzt ein Smartphone? Auf Jacob Weizmans erste Frage melden sich nahezu alle Schüler und Schülerinnen in der Aula der Berufsbildenden Schule 3 in HaMü. Wer würde hingegen sein Gerät gegen ein einfaches Nokia-Handy eintauschen? Kaum jemand. Als Weizman wissen will, wer länger am Bildschirm bleibt als beabsichtigt, gehen die Hände erneut nach oben. Der Widerspruch ist offensichtlich. Weizman hält inne, damit sich die Wirkung jener „Entdeckung“ entfaltet. Der Augenblick fühlt sich gerade so an, als würde die Offensichtlichkeit sie alle stutzig machen. Auf das Smartphone verzichten möchte wiederum kaum einer, von seiner Nutzung gestresst fühlen sich viele. Dann fährt Weizman fort.
Beim Scrollen vergeht die Zeit
Mit der Abstimmung eröffnete der Gründer des Projekts „Smartphone aus – Leben an“ seinen Vortrag an der BBS 3. Die von Michael Sühling geleitete Schule bildet in den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheit aus. Nach der Freien Walldorfschule in Finthen ist sie die zweite Mainzer Schule, die Weizman mit seinem Konzept besucht. Weitere Schulen möchte er gerne ebenfalls dafür gewinnen, sich auf einen vierwöchigen Selbstversuch einzulassen.
Der Vortrag vor Schülern, Lehrern und dem Schulleiter war zwar frontal angelegt, entwickelte sich durch Fragen und Nachfragen aber zu einem lockeren Austausch. Die Jugendlichen schätzten am Smartphone vor allem Nachrichten, Spiele und die Möglichkeit, jederzeit etwas nachzuschlagen. Bei den Nachteilen nannten sie zunächst leere Akkus oder technische Probleme. Erst als eine Lehrkraft schilderte, wie schnell beim Scrollen durch Instagram eine halbe Stunde vergehe, nickten viele zustimmend.
„Es ist unsere Zeit“
Weizman kennt das Problem selbst: Früher habe er sieben bis zehn Stunden täglich auf sein Handy geschaut, inzwischen seien es etwa zwei. Doch woher kommt die Sogwirkung? Was ist das Geschäftsmodell der sozialen Netzwerke, will er wissen? Es dauert ein wenig, bis die Antwort im Austausch mit den Schülern erarbeitet ist. Sie klingt dann aber wie ein Vorbild aus literarischen Vorlagen, wie „Momo“, oder „Der Kleine Prinz“. „Es ist unsere Zeit“, sagt Weizman. „Das Geschäftsmodell dieser Apps ist unsere Zeit“, wiederholt er.
Was ließe sich mit weniger Bildschirmzeit anfangen? Weizman warf einer Person im Publikum einen Ball zu: Sie sollte eine Idee nennen. Dann bekommt die immaterielle Zeit etwas Greifbares wie Fußball, Lesen, Malen, Musik oder Zeit, die man mit der Familie und Freunden verbringen könnte. So lauteten jedenfalls die knappen Antworten. „Es ist eure Zeit und es ist euer Leben“, hielt Weizman fest.
„Wir verbieten euch nichts“
Nun sollen die Schüler vier Wochen lang im Unterricht jeweils zehn bis 15 Minuten an ihrem Umgang mit dem Smartphone arbeiten und sich darüber austauschen. Zu den Anregungen gehören handyfreie Zeiten am Morgen und Abend, ausgeschaltete Push-Nachrichten und ein smartphonefreies Schlafzimmer.
„Wir verbieten euch nichts“, betont Weizman. Die Jugendlichen sollen selbst herausfinden, welche Gewohnheiten sie ändern möchten. Nach Angaben des Projektgründers sank die Bildschirmzeit bei den bisherigen Teilnehmern aus ganz Deutschland, die ihre Rückmeldungen abgaben, im Durchschnitt um gut 30 Prozent.
Zum Schluss fragte Weizman, wer sich zutraue, stärker zu sein als Apps und Algorithmen. Wieder gingen Hände hoch. Ob daraus im Alltag neue Gewohnheiten werden, ist eine Frage am Puls der Zeit. Journal LOKAL wird nach den vier Wochen berichten, was die Schüler aus dem Selbstversuch gemacht haben.
Gregor Starosczyk-Gerlach





















