
NIERSTEIN – Nahezu ehrfürchtig standen die italienischen Forscher Simone d’Orazi Porchetti und Alexander Wagensommer vor Kurzem im privaten paläontologischen Museum in Nierstein. Die Geologen und Paläontologen, die unter anderem auf Saurier und fossile Trittsiegel spezialisiert sind, urteilten eindeutig: In Nierstein sahen sie eine Sensation. Vergleichbares gebe es in öffentlich zugänglichen Museen in Deutschland nicht.

Gefunden hatte die Schätze Harald Stapf, der Eigentümer der Sammlung. Fast alle Stücke hat er selbst gesammelt, manches stammt von seinem Vater, einige Funde von Freunden. Hinzu kamen zwei Sammlungsnachlässe. Vieles schlummere noch in Schubladen, sagte er, darunter, wie sich zeigte, wissenschaftlich höchst interessante Fundtücke.
Anlass des Besuchs waren zwei Saurierspuren, die Stapf vor vielen Jahren im Steinbruch Schönbachsmühle bei Ebelsbach (Unterfrranken) entdeckt hatte. Die rund 230 Millionen Jahre alte Gesteinsformation stammte aus dem Oberen Karnium der späten Trias. Eigentlich war Stapf damals auf der Suche nach Urzeitkrebsen. Stattdessen nahm er zwei Saurierspuren und ein drittes, zunächst rätselhaftes Stück mit nach Hause.
Die beiden bekannten Trittsiegel konnten die Forscher eindeutig zuordnen: Das dreizehige stammt von einem Fleischfresser, das vierzehige von einem Pflanzenfresser. Vergleichbare Spuren gebe es öffentlich zu bestaunen nur in Stuttgart und nun in Nierstein. D’Orazi Porchetti urteilte denn auch: „Wäre dieses Museum in Italien, wäre es dort eines der spektakulärsten.“

Noch spannender war jedoch der dritte Fund. Seine Spur erinnert an eine kleine Palme, doch die Fachleute halten sie für die Bewegungsspur eines Tieres. Ihre Arbeitshypothese ist verblüffend: Sie könnte von einem Fisch stammen, der sich ähnlich wie ein heutiger Schlammspringer durch schlammiges Gelände bewegte: einem „schlammkriechenden Fisch“ aus der Trias.
Sollte sich die Vermutung bestätigen, wäre das wohl eine kleine wissenschaftliche Sensation, denn einen solchen Fund kenne man laut Wagensommer aus der Coburger Gesteinsschicht bislang weltweit nicht. Deshalb hätten die Forscher nun einen kanadischen Spezialisten für Fischspuren hinzugezogen.
Die Spur wurde bereits fotogrammetrisch erfasst. Am Computer entsteht daraus ein 3D-Modell. Nun folgen Literaturrecherche und weitere Expertenbefragungen. Erst danach wird sich zeigen, ob die Arbeitshypothese Bestand hat. Falls ja, soll der Fund publiziert werden. Stapf wäre dann als Entdecker Mitautor, eine große Ehre für ihn und sein Museum.

Aktuell sucht Stapf übrigens nach Möglichkeiten, das Museum mit den einzigartigen Funden für die Nachwelt zu erhalten. Denn wenn er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen muss, geht es nicht bloß um Vitrinen, sondern um ein Stück regionaler und wissenschaftlicher Überlieferung. Vielleicht beginnt mit der Sensation aus der Schublade sogar ein neues Kapitel: Der Fund aus Ebelsbach könnte ein Ausgangspunkt für neue Forschung werden.
Redaktion




















