
ESSENHEIM – Schon vor Beginn der Premierenlesung herrschte im familiären Weingut von Andreas Wagner beste Stimmung. Wein wurde ausgeschenkt, kleine Häppchen gereicht und überall waren erwartungsvolle Gesichter zu sehen: Die Fans der Krimireihe und ihres Autors waren gekommen, um den neuesten Fall des Essenheimer Winzers und Historikers live zu erleben.
Mit „Winzermord“ legt Andreas Wagner bereits den sechsten Kriminalroman rund um den Altwinzer Kurt Otto Hattermer vor. Der gerät im Selztal immer wieder in Ermittlersituationen und löst gemeinsam mit Posthalters Sigrun, einer der drei „lebenden Gardinen“ des Ortes, Mordfälle auf. Sigrun ist zwar bereits über 80, erweist sich aber als ebenso hartnäckige wie findige Partnerin.

Acht Stunden Schreiben, sechs Seiten Euphorie
Bevor es richtig losging, plauderte Wagner gewohnt offen aus dem Autorenleben. Noch kurz zuvor hatte er in der Vinothek Wein verkauft – und dabei eine interessante Erfahrung gemacht: Zu ihrem Wein wollten viele Kunden unbedingt noch ein Döschen Bratwurst. Kein Wunder, denn die Bratwurst zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben seines Protagonisten Kurt Otto Hattermer.
Auch über das nervenaufreibende Lektorat berichtete Wagner. Einen Monat lang habe er sich mit Lektorin und Verlag auseinandergesetzt, bis schließlich alles passte. Und ausgerechnet jetzt, bei der Premierenlesung, sei er plötzlich nervös. Schließlich saßen die ganze Familie und alle Freunde im Publikum. Viele von ihnen halfen an diesem Abend tatkräftig mit.
Wie viel Arbeit hinter einem Kriminalroman steckt, machte Wagner ebenfalls deutlich: Im Winter bedeute das acht Stunden Schreiben am Tag. Schaffe er sechs Seiten, sei er euphorisch, bei drei Seiten dagegen depressiv. Sein augenzwinkernder Rat an das Publikum: „Es wird eklig.“ Man solle sich also stärken, um den Krimi überhaupt auszuhalten.

Zwischen Rausch und Krise
Denn genau darum geht es in „Winzermord“: um den Wechsel zwischen Rausch und Krise. „Die Winzer saufen sich die Krise schön“, fasste Wagner es augenzwinkernd zusammen. Die Weinlese sei eine stressige Zeit, Existenzängste gehörten für manche Winzer inzwischen zum Alltag. Dass es mittlerweile sogar eine Winzerseelsorgernummer gibt, hat ebenfalls Ausschlag für das Thema gegeben.
Die Mordserie selbst hat ihren Ausgangspunkt in der Zeit der Wiedervereinigung. Dabei verarbeitet Wagner auch realitätsnahe Geschichten und Entwicklungen aus der Weinwelt. Seine Sprache macht den Roman besonders anschaulich: Man hört, sieht und riecht die Handlung förmlich – zum Beispiel wenn etwas knistert, birst, knackt, kracht oder splittert. Mit liebevollem Blick zeichnet er seine Figuren, ihre Kleidung, Speisen und Beziehungen. Da trägt Hattermer schon einmal ein Hemd im „Gentle Riesling Mood“, und beim Speed-Dating treffen alteingesessene Winzer in Lack und Leder auf externe Damen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Passend zum Roman hatte Wagner sein Lesepult mit dem Reisetrolley von Posthalters Sigrun dekoriert – inklusive Frauenbein, zahlreicher Leberwurstdosen und natürlich des obligatorischen Silvaners. Schließlich scheint der im Selztal schon zum Frühstück zu gehören.

Pünktlich vor dem angekündigten Regen war nach zwei höchst unterhaltsamen Stunden Schluss. Wagner bekam riesigen Applaus – und der Wettergott hatte offenbar ebenfalls seinen Spaß: Es blieb solange trocken. Für Fans von Andreas Wagner und seiner Hattermer-Reihe ist „Winzermord“ damit ein unbedingtes Muss. Und wer weiß: Vielleicht stimmt Hattermers augenzwinkernde Weisheit ja doch ein bisschen: „In Essenheim ist keiner sicher vor dem anderen.“
Sabine Longerich





















