

INGELHEIM – Mit dem Konzert des Youth Symphony Orchestra of Ukraine ist Ingelheim Teil einer Sommertournee mit Symbolcharakter geworden. Die rund 70 jungen Musikerinnen und Musiker aus der Ukraine tragen in diesen Wochen mit ihren Instrumenten die europäische Musiktradition und zugleich ihr Bekenntnis und den Wunsch nach Frieden durch Europa. In Kultur- und Kongresshalle Ingelheim (IkUM) gastierte das Ensemble dank der die Einladung der Ingelheimer Kultur und Marketing GmbH (IkUM). Gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern gestaltete das Orchester ein Benefizkonzert, das Gelder für ein Projekt der Rotarier zur Einrichtung einer mobilen Zahnarztpraxis für die Ukraine sammelt. Nach dem Konzert brach das Orchester gleich zum nächsten Auftrittsort, nach Amsterdam, es sollten Gastspiele in Bamberg und Berlin folgen.
Konzertabend der musikalischen Botschaften
Rund 330 Besucher erlebten zuvor einen Konzertabend der musikalischen Botschaften. Bereits mit dem Gang zum Dirigentenpult zog Dirigentin Oksana Lyniv die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Zum schwarzen Dirigentenanzug trug sie eine Schärpe in den Nationalfarben der Ukraine, Gelb und Blau. Das Symbolik der Verbundenheit mit der Heimat wurde zur visuellen Klammer des Konzertabends. Unter dem großen Beifall des Publikums zum Konzertabschluss hoben die Musiker die ukrainische Nationalflagge empor.
Den Auftakt bildete Johannes Brahms‘ Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll, Opus 15. Den Solopart übernahm der junge ukrainische Pianist Ilia Ovcharenko. Die ersten Takte mit ihren markanten Paukenschlägen verstärkten die visuelle Botschaft. Im zweiten Satz führte Oksana Lyniv das Orchester mit Ruhe, Wärme und feinem Gespür. Der Schlusssatz drängte vorwärts, heiter, bisweilen aufbrausend und voller Zuversicht. Es entstand der Eindruck, das Orchester reihe sich das Orchester mit Entschlossenheit in die europäische Musiktradition ein.

Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach
86 Musikerinnen und Musiker
Mit Reflection of Hope von Eduard Resatsch schlug das Programm den Bogen in die Gegenwart. Der Komponist, Mitglied der Bamberger Symphoniker, schrieb das Werk während des Corona-Lockdowns. Für die digitale Uraufführung nahmen 86 Musikerinnen und Musiker ihre Instrumentalstimmen jeweils zu Hause auf. In Ingelheim erhielt die Komposition eine neue Dimension. Sie begann fast unhörbar, ließ schroffe Dissonanzen das Chaos des Unsagbaren ausdrücken und fand schließlich zur Harmonie zurück.
Mit Antonín Dvořáks Achter Sinfonie öffnete sich eine Klangwelt. Sanfte, pastorale Klänge erinnerten an die ländliche Heimat des Komponisten. Vogelstimmen schienen durch die Musik zu ziehen, Tänze und heitere Melodien ließen Bilder heimatlicher Landschaften entstehen. Die Töne drückten die Bindung an die bedrohte Heimat der jungen Menschen.
Bewegende Einblicke in die Bedingungen der Musiker in der Ukraine
Bereits vor dem Konzert erhielten die Besucher in einem Podiumsgespräch bewegende Einblicke in die Bedingungen der Musiker in der Ukraine. Instrumente fehlten häufig, regelmäßiger Unterricht sei vielerorts nicht möglich, schilderte Oksana Lyniv. Vor der Tournee probte das Orchester eine Woche in der Landesmusikakademie auf Schloss Engers. Die Probewoche gebe ihnen Heimat und kulturelle Identität zurück. „In der Musik fühlen sie sich zu Hause“, sagte sie.
Der langsame zweite Satz erlaubte spontane Assoziationen: Wenn junge Menschen, deren Zukunft vom Krieg überschattet wird, musizieren, dann verleitet die Musik sie zu stärkeren Interpretationen. Immer wieder verrieten entspannte Gesichtszüge, manchmal sogar ein Lächeln, wie sehr die Künstler in der Musik aufgingen.
Lange anhaltender Beifall
Mit dem dritten Satz und und im Finale verstärkte sich die Stimmung. Fanfarenartige Motive der der Sinfonie drückten die Standhaftigkeit aus: über Angst und Verzweiflung.
Als der letzte Ton verklungen war, erstarrten die erhobenen Hände mit den Streichbögen und dem Dirigentenstab für einen kurzen Augenblick über den Köpfen: Kurz darauf streckten die Musiker unter lang anhaltendem Beifall die ukrainische Nationalflagge empor.
Gregor Starosczyk-Gerlach






















