
HECHTSHEIM – Im Weingut Zehnerhof in Hechtsheim traf die gesprochene Überlieferung auf Weingenuss: Der Verein Hechtsheimer Ortsgeschichte hatte zu einem Vortrag über „Mundarten in Rheinhessen“ eingeladen. Vereinsvorsitzender Ottmar Schwinn begrüßte die Gäste und stellte den Referenten Dr. Rudolf Post vor, der seinen Vortrag mit einer umfangreichen Präsentation begleitete. Dazu tischte das Weingut Zehnerhof als Gastgeber dem Publikum eine Weinauswahl auf. Post hielt seinen Vortrag zuvor auch an mehreren anderen Stationen in der Region (wir berichteten). In der Tat hatte das Thema auch das Interesse zahlreicher Hechtsheimer angesprochen.
Unterhaltsamer Austausch
Der Sprachwissenschaftler, der als Koryphäe auf dem Gebiet gilt, führte das Publikum durch Sprachkarten, Lautverschiebungen und historische Quellen. Gut angekommen war die Einbindung der Zuhörerschaft. Der Wissenschaftler ließ die Mundart im Raum hörbar werden. Mal stellte er Fragen zu Begriffen, Aussprache oder Redewendungen. Mal bat er Freiwillige aus dem Auditorium, Fragmente aus Prosa oder Gedichten vorzulesen. Mit solchen Mitteln transferierte er die Mundart von den Folien in den Raum. Das führte dazu, dass sich im Zehnerhof ein unterhaltsamer Austausch über Bedeutungen, Varianten und die Frage, wie bestimmte Wörter „richtig“ oder jedenfalls ortsüblich klingen, entwickelte.
Ausgangspunkt des Vortrags war eine Grundthese, die eine vermutete Annahme relativierte: Den einen rheinhessischen Dialekt gibt es nicht. Vielmehr handelt es sich um eine vielfältige Mundartlandschaft. Rheinhessen gehört sprachlich zum rheinfränkischen Raum, führte Post aus. „Sie weist aber zahlreiche lokale und regionale Unterschiede auf.“ Gleichwohl vertrat Post die Ansicht, dass die Mundarten Identität schaffen und Teil regionaler Kultur sind. Zugleich spiegeln sie Geschichte, Nachbarschaften, Wanderungen und den Austausch entlang des Mittelrheins wider.
Systematische Erfassung regionaler Sprachformen
Aus seinem wissenschaftlichen Wissensfundus brachte Post auch für Hechtsheim ergiebige Details und rückte den Ort selbst als sprachhistorischen Bezugspunkt in den Blick. Post verwies auf einen Fragebogen aus dem Jahr 1887, auf dem 40 hochdeutsche Sätze in die damalige Hechtsheimer Ortsmundart übertragen wurden. Solche Fragebögen dienten der systematischen Erfassung regionaler Sprachformen. Für Hechtsheim sei diese Quelle ein anschaulicher Beleg dafür, dass die lokale Mundart bereits im 19. Jahrhundert dokumentiert wurde.
Der Vortrag verdeutlichte auch, wie kleinräumig Mundart sein kann. Selbst zwischen eng beieinanderliegenden Orten wie Hechtsheim, Laubenheim und Weisenau zeigen sich Unterschiede in Lautung und Wortgebrauch. Was im Alltag oft beiläufig klingt, ordnete Post sprachwissenschaftlich als Hinweis auf regionale Entwicklungslinien ein. „Einzelne Wörter und Aussprachen verweisen auf Herkunft, Zugehörigkeit und lokale Eigenart.“
Sprache kann historische Verbindungen bewahren
Mit dem Blick auf die Geschichte der Region verdeutlichte er, dass Sprache historische Verbindungen bewahren kann, die älter sind als heutige Verwaltungsgrenzen. Die politische Region Rheinhessen existiere erst seit 1816, die Mundarten der Region seien jedoch deutlich älter. „Früher wurden sie zum Teil anders eingeordnet und bezeichnet, etwa als pfälzische Mundart.“
Ein wenig mehr technische Klarheit hätte dem Abend allerdings gutgetan. Die Lautsprecheranlage brachte die Ausführungen Posts nicht immer so präzise in den Raum oder vor allem in den Hof, wo auch Zuhörer saßen, wie es dem detailreichen Vortrag angemessen gewesen wäre. Inhaltlich aber näherte sich der Abend eindrücklich der Geschichte in Sprache, die nach wie vor in Hechtsheim gerne gesprochen wird.
Gregor Starosczyk-Gerlach
























