BODENHEIM – Bodenheim, an einem Samstagnachmittag: Ein Jahr lang lag das Moospolster staubtrocken im Regal, dann trafen es ein paar Sprühstöße Wasser– und plötzlich leuchtete sattes Grün auf. Der kleine Aha-Moment zog die Aufmerksamkeit von Neugierigen an und öffnete den Blick für ein verborgenes Großstadtsafari-Revier: die Ritzen vor dem Rathaus, in denen Pflanzen um jeden Millimeter kämpfen – und dabei das Klima kühlen.
Vor Kurzem versammelten sich 15 interessierte Kleine und Große vor dem Bodenheimer Rathaus zur „Krautschau“ – einer Mitmach-Aktion im Rahmen eines bundesweiten Projekts der Senckenberg Gesellschaft für Naturbeobachtung. Ziel: Die unscheinbare Flora in Pflasterfugen entdecken und ihre ökologische Bedeutung ins Bewusstsein rücken. Eingeladen hatte Torsten Jäger, Umwelt- und Artenschutzbeauftragter der Ortsgemeinde Bodenheim.

Foto: Gerhard Fiedler
Beim Moos-Experiment, so erklärte es Jäger, werden Wasser und Nährstoffe direkt über die Oberfläche aufgenommen. Mosse speichern Flüssigkeit wie ein Schwamm, filtern die Luft, regulieren das Mikroklima und binden sogar Feinstaub. Ein weiteres frisches Moos vom Vortag zeigte eindrucksvoll, wie viel Wasser diese Pflanzen aufnehmen – und damit zur natürlichen Klimaregulierung beitragen.
Die Veranstaltung verlagerte sich wetterbedingt kurzzeitig ins Rathaus, bevor es mit der Artenbestimmung losging. Mit dabei: Die App „Flora Incognita“, mit der die Teilnehmenden Pflanzen wie Kompasslattich, Kahles Bruchkraut oder den Kleinköpfigen Pippau bestimmten. Viele waren erstaunt, was da zwischen Pflastersteinen alles wächst – und welche Funktion diese Pflanzen erfüllen. Löwenzahn und Gänseblümchen etwa sind essenziell für über 100 Wildbienenarten, darunter auch spezialisierte. Raupen vieler Falter nutzen sie als Futterpflanzen.
Jäger erklärte, wie sogenannte Trittgesellschaften – konkurrenzarme, trittfeste Pflanzenarten – kleine Biotope bilden. Diese begrünten Fugen dienen nicht nur Insekten als Wanderkorridore, sondern helfen auch, Hitzeinseln in der Stadt zu mindern: Eine bepflanzte Fuge kann die Oberflächentemperatur um bis zu zehn Grad Celsius senken.

Foto: Gerhard Fiedler
Fazit: Die Krautschau war ein botanischer Spaziergang und sie ein Denkanstoß zugleich. Wer Pflanzen in der Fuge erkennt, sieht in ihnen keine „Unkräuter“ mehr, sondern wertvolle Bausteine urbaner Biodiversität. Das Mitmachen ist einfach: App installieren, Pflanze bestimmen, Fund melden – und vielleicht mit Kreide auf dem Gehweg vermerken. So wird die unsichtbare Vielfalt sichtbar gemacht – für alle.
red