
VG-NIEDER-OLM – Es ist gute Tradition geworden, dass zu Jahresbeginn Journal Lokal dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nieder-Olm die Gelegenheit bietet, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und einen Ausblick auf das neue zu geben. Doch in diesem Jahr müssen die Fragen anders gestellt werden, denn nach über 30 Jahren im Amt wird Ralph Spiegler am 22. März 2026 nicht mehr zur Wahl antreten.
Frage: Über 30 Jahre im Amt – das prägt:
Herr Spiegler, wenn Sie auf Ihre mehr als drei Jahrzehnte als Verbandsbürgermeister zurückblicken: Auf welche Momente oder Erfolge sind Sie ganz persönlich am meisten stolz?
Ralph Spiegler:
Ach wissen Sie, natürlich kann ich von der Entwicklung der Schullandschaft, von einer hervorragend aufgestellten Feuerwehr, von einem klasse Team im Rathaus, von unserem Rheinhessenbad, das ein Freizeitspaß über unsere Grenzen hinaus ist, von der insgesamt sehr guten Infrastruktur und vielem anderen reden.
Und ja, ich habe immer Wert auf solides Wirtschaften gelegt. Trotz hoher Schulden in den 90er Jahren sind wir heute vollkommen schuldenfrei. Das gibt die nötige Beinfreiheit für meinen Nachfolger.
Aber mindestens genauso wichtig sind die weichen Faktoren. Wir sind auf einem guten Weg zu einer inklusiven Verbandsgemeinde, haben eine florierende Musikschule, das Gemeinwesen Verbandsgemeinde Nieder-Olm ist in prächtigem Zustand, unsere Partnerschaft mit Glucholazy (PL) ist Ausweis unserer Weltoffenheit. Vielfache Auszeichnungen durch Bund und Land sind Beleg dafür.
All das ist nicht mein Verdienst alleine. Dazu gehört auch ein kooperativer Rat, in dem es uns gelungen ist, ein sehr angenehmes und kollegiales Klima zu entwickeln. Und genauso wichtig ist die Mannschaft im Rathaus, auf die ich mich immer verlassen konnte.
Und ganz besonders am Herzen lagen mir immer die Begegnungen mit den Menschen in unserer Verbandsgemeinde. Deren Rückmeldungen waren ein sehr wertvoller Resonanzboden, der mich immer wieder auch geerdet hat.
Frage: Herausforderungen und Krisen:
Welche Phase Ihrer Amtszeit war rückblickend die anspruchsvollste – und wie hat sie Sie als Mensch und als Bürgermeister geprägt?
Ralph Spiegler:
Nun, das Amt des Bürgermeisters ist, bei aller Freude, die es mir gemacht hat, ein Amt, das einen Menschen sehr stark in Beschlag nimmt. Ich habe allerdings, auch wenn ich mich sehr stark mit dem Amt identifiziert habe, immer auch darauf geachtet, dass es außer dem Bürgermeister Ralph Spiegler noch den „normalen“ Menschen Ralph Spiegler gibt. Ansonsten, da bin ich mir sicher, würde spätestens der nahende Eintritt in den Ruhestand zu einer gewaltigen Sinnkrise führen. Ich hoffe, dass ich dem entgehen kann.
Naja, und im Amt gab es immer wieder sehr anspruchsvolle und fordernde Phasen. Zu den größten gehörten sicher die Bewältigung des enormen Zuzugs geflüchteter Menschen und die Coronakrise, in der wir den Menschen in der Verbandsgemeinde nun wirklich sehr viel zumuten mussten. Aber auch diese Phasen haben wir gemeinsam gemeistert.
Frage: Veränderung der Region:
Die Verbandsgemeinde Nieder-Olm hat sich in den letzten 30 Jahren stark entwickelt. Welche Veränderungen stimmen Sie besonders optimistisch für die Zukunft?
Ralph Spiegler:
Ja, es stimmt schon. Wir leben in einer sehr dynamischen Verbandsgemeinde. In allen relevanten Bereichen sind wir gewachsen, haben wir uns entwickelt, sind wir vorangekommen. Und immer ist es uns gelungen, anstehende Herausforderungen anzunehmen und sie zu bewältigen. Und genau das stimmt mich optimistisch. Wenn es uns gelingt, die Kräfte zu bündeln, die Gesellschaft zusammenzuhalten, das Engagement der Menschen zu nutzen, dann ist mir nicht bange um unsere Zukunft.
Frage: Der Abschied vom Rathaus:
Wie fühlt es sich an, nach so langer Zeit bewusst einen Schlussstrich zu ziehen – mit Vorfreude, Wehmut oder einer Mischung aus beidem?
Ralph Spiegler:
Puh, das ist eine wirklich schwer zu beantwortende Frage. Stand heute ist es in der Tat eine Mischung aus beidem. Auch wenn ich mich, wie oben erwähnt, nicht nur über das Amt definiert habe, so ist es doch ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens. Aber die Entscheidung, dass ich im August des Jahres nach 32 Jahren aus dem Amt scheiden werde, habe ich sehr bewusst getroffen. Ich bin sicher, dass es die richtige Entscheidung ist. Also beides, Vorfreude und Wehmut, und beides in beinahe täglich wachsendem Maße. Aber ein Gefühl steht vor allen anderen im Vordergrund: Dankbarkeit für das Vertrauen, dass mir die Menschen in „meiner“ Verbandsgemeinde über so lange Zeit entgegengebracht haben.
Frage: Blick nach vorn:
Wenn der Terminkalender künftig nicht mehr vom Bürgermeisteramt bestimmt wird: Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten in Ihrem neuen Lebensabschnitt?
Ralph Spiegler:
Tja, ich hoffe, dass künftig nicht der erste Blick beim Frühstückskaffee vor dem Duschen der Blick in die Emails sein wird. Und ich freue mich, dass ich bei Treffen mit Familie und Freunden nicht mehr diese Abhängigkeit von meinem Kalender haben werde. Andererseits bin ich sehr dankbar dafür, dass ich noch bis Ende 2027 Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes sein darf. Auch kann ich mir vorstellen, noch ein wenig zu arbeiten und meine Erfahrungen einzubringen, allerdings in zeitlich deutlich reduziertem Umfang. Und ganz sicher werde ich weiter am gesellschaftlichen Leben in unseren Gemeinden teilnehmen.
Eines allerdings werde ich nicht tun: Mich ins politische Geschehen in der Verbandsgemeinde einmischen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Annette Pospesch
























