BODENHEIM – Punkt 16.11 Uhr bebte der Boden vor dem Alten Historischen Rathaus in Bodenheim und mit ihm der Stuhl des Ortsbürgermeisters: Der Vorstand des Bodenheimer Carneval Vereins (BCV) marschierte auf – in Uniformen und ohne Pardon. Binnen weniger Minuten wurde das Rathaus gestürmt, Ortsbürgermeister Jens Mutzke (SPD) in Sträflingsstreifen gesteckt, in Ketten gelegt und zu seiner eigenen Überraschung aus dem Rathaus geleitet. Bodenheim wurde übernommen: nicht vom Gemeinderat, sondern von den Narren.

Die Anklage verlas Komiteesprecher Bernd Jungbluth mit der sonoren Würde eines rheinhessischen Scharfrichters und dem Grinsen eines Fastnachters: „Regieren, mein Lieber, das ist nicht leicht, wenn das Geld im Säckel der Gemeinde nicht reicht“, stichelte er, begleitet von Gelächter und Applaus. Besonders schwer wiege, dass das wenige Geld auch noch in „rostige Kübel“ investiert worden sei, die das Straßenbild störten. Das Publikum zeigte sich solidarisch empört – oder amüsiert. Man weiß es bei Fastnacht nicht so genau.

Der Angeklagte selbst schaute allerdings drein wie ein Schüler, der aus heiterem Himmel ins Rektorat zitiert wird. „Ich weiß gar nicht, warum ihr lacht – ich hab doch, bei Gott, gar nichts gemacht!“ stotterte er kleinlaut. Damit bestätigte er – unglücklicherweise – genau die Vorwürfe des BCV. Die Menge johlte, der Ankläger legte nach und forderte die Herausgabe sämtlicher Rathausschlüssel „bis Aschermittwoch – mindestens!“ Als nächster Höhepunkt folgte die feierliche Verlesung des närrischen Grundgesetzes durch Vorstandsmitglied Hermann Schütt. Besonders ein Absatz sorgte für große Heiterkeit: „Artikel 4: Närrinnen und Narren sollen ihre Fröhlichkeit nicht im Alkohol, sondern im gemeinsamen Erleben finden. Gelobt sei jeder Narr, der auch in nüchternem Zustand närrisch ist. Prost!“
Was folgte, war ein kollektives Heben der Gläser – und man kann festhalten: Ja, die Bodenheimer erleben viel gemeinsam, nüchtern waren sie indes nicht mehr alle. Für entsprechendes Material hatte der BCV im Rathausinnenhof weise vorgesorgt.

Damit der Machtwechsel auch optisch Wirkung zeigte, musste der in Ketten gelegte Mutzke schließlich die Bodenheimer Flagge gegen die des BCV tauschen. Nach einigen – möglicherweise ganz unabsichtlichen – Fehlversuchen gelang der Tausch dann doch. Zur Belohnung wurde ihm wenigstens versichert, dass er diesmal nicht im „Hexenkeller“ lande.
Und so endete auch diese Veranstaltung wie alle anderen in Bodenheim: fröhlich, laut, herzlich. Und diesmal mit der klaren Botschaft, dass die politische Macht in Bodenheim bis Aschermittwoch in den Händen der Narren liegt.


























