Start Kultur „Reinwaschung von Druckerschwärze und Sünden“ Nasse Zeremonie würdigt das Erbe Gutenbergs

„Reinwaschung von Druckerschwärze und Sünden“ Nasse Zeremonie würdigt das Erbe Gutenbergs

„Denn nur wer getauft ist, ist echter Art und zünftig / und gilt als Gutenbergs Jünger künftig“, lautete ein Teil des Schwures, der vor dem Gautschen verlesen wurde. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

MAINZ – Widerstandslos und mit dem Ausdruck des Kälteschocks im Gesicht ließen rund 30 Gautschlinge die Druckertaufe bei der Mainzer Johannisnacht über sich ergehen. Von so genannten Schwammhaltern sowie Packerinnen und Packern, den Jüngern Gutenbergs um Gautschmeister Jürgen Schunk, wurden sie ins gefühlt 15 Grad Celsius kühle Wasser dreimal herabgelassen und nach dem Vorbild der Zunft auf diese Weise in den Stand der Gesellen erhoben. Wer dabei Glück hatte, über den ließ der Schwammhalter lediglich das Wasser aus einem großen Schwamm tropfen. „Wir tun das traditionell zum Geburtstag und Fest des großen Sohnes der Stadt Mainz, Johannes Gutenberg“, erläuterte der Gautschmeister dem Publikum. Die meisten von ihnen waren gleichwohl im Bilde über die Bedeutung der historischen Druckertaufe auf der Bühne.

Die nasse Prozedur knüpft auf unterhaltsame Weise an einen spätmittelalterlichen Brauch an. Foto: Gregor Starosczyk- Gerlach

Auf dem Liebfrauenplatz, vor dem Westportal des Doms und in Sichtweise des Gutenberg Museums, das die Erinnerung an eine der wichtigsten Erfindung der Menschheitsgeschichte in Ehren hält, standen das Publikum und die Mainzer Stadtsoldaten in historisierenden Uniformen den Gautschlingen zunächst Spalier, bevor jede Taufe mit lautem Applaus bejubelt wurde. Die Prozedur, die einen spätmittelalterlichen Brauch auf das Unterhaltsamste wiedergab, gehörte auch diesmal zu den wichtigsten Programmpunkten der Johannisnacht.

Folglich wohnten Hunderte von Zuschauern jener symbolischen Reinwaschung von Druckerschwärze, Bleistaub und den Sünden der abgeschlossenen Lehrjahre bei, wie es Schunk für die eventuellen Erstbesucher erläuterte. „Packt an! Lasst seinen Corpus Posteriorum fallen auf diesen nassen Schwamm, bis triefen seine beiden Ballen“, rezitierte er einen überlieferten Schwur. Zu Fanfarenklängen hatten die Adepten der Druckerkunst und der Medienindustrie beiderlei Geschlechts die Prozedur über sich ergehen lassen. Sicherlich war auch reichlich Folklore und Show dabei: Doch das Wasser war echt, wie auch die Begeisterung auf dem Liebfrauenplatz.

Gautschmeister Jürgen Schunk. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Als Ehrengautschling wurde Christian-Friedrich Vahl präsentiert. Einen solchen zunächst geheim gehaltenen Auftritt gibt es jedes Mal. Vahl, Mediziner und Professor, engagiert sich auf vielfache Weise in und für Mainz, beispielsweise für die Erhaltung des römischen Erbes der Landeshauptstadt. Am Vormittag des Gautschsamstags erhielt darüber hinaus die Direktorin des Museums für Buch und Druck der Ukraine in Kiew, Valentyna Bochkovska, im Kurfürstlichen Schloss den Gutenberg-Preis der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft in Mainz und der Stadt Mainz. Von der Entscheidung der Jury berichtete Journal LOKAL an dieser Stelle.

Gregor Starosczyk-Gerlach