
MAINZ – Die Kinder stehen in einer Reihe, sechs Mädchen, drei Jungs. Vor ihnen Mikrofone, an denen Hände zupacken, richten, wieder loslassen. Sven Ebert nimmt die Gitarre, prüft die Stimmung und sagt: „Achtet auf die T’s. Gerücht ohne T klingt blöd.“ Er meint die Zeile, die gleich folgen soll: Ein Gerücht geht um die Welt und es macht, was ihm gefällt. Ein kurzer Hinweis, dann setzt das Playback ein. Die Gitarre steigt ein, die Stimmen folgen. Der zweite Versuch sitzt.
Die Szene steht für ein Projekt, das die Peter-Jordan-Schule seit vielen Jahren prägt. Es ist die Schulband Wir Sind Wer. Sie entstand 2009, als einige Schüler nach einer Alternative zu Chor und Orchester suchten. Daraus wurde eine Band, die sich durch den natürlichen Wechsel der Schüler erneuert und sich immer wieder neu findet, ohne ihren Kern zu verlieren. „Alle zwei, drei Jahre ist die Besetzung komplett neu“, sagt Ebert.
Im Probenraum ist die Konzentration auffällig hoch. Die Kinder reagieren auf Zeichen mit einer Ruhe, die überrascht. Kein Hampeln, kein Durcheinander. Die Musik zieht die Kids in ihren magischen Bann und scheint ihnen eine Art Ordnung vorzugeben – gerade weil viele Lieder so gebaut sind, dass alle mitkommen. Die Texte entstehen aus Worten oder Ideen der Kinder, die Ebert lyrisch verarbeitet. „Wir versuchen, mit wenig Text möglichst viel zu sagen.“ Für einige ist das notwendig, weil sie nicht lesen können. Für andere sorgt die klare Struktur für Sicherheit. Wenn aus Steinen Herzen werden, hat das Glück ’ne Chance auf Erden, heißt es beispielsweise.
Anna-Lena tritt einen Schritt nach vorne. Sie wartet auf ein knappes Nicken ihres Lehrers und singt. Der Ton bleibt ruhig, die Zeile wirkt selbstverständlich. Später erzählt sie, dass sie schon zu Hause viel gesungen hat – mit Musikbox und Handy. Aufgeregt sei sie kaum vor Publikum, da sie ein Mittel gegen das Lampenfieber gefunden hat: „Ich denke, die Leute sind froh, dass wir da sind.“
Dass die Band so arbeiten kann, liegt auch an Unterstützung von außen. Der Verein „Kulturfrauen Bodenheim“ fördert das Projekt seit Jahren, erzählt Anne Jaeger. Sie finanzierten Technik, halfen bei einer CD und übernahmen zuletzt im Sommer die Kosten für Schlagzeug und Verstärker. Für Schulleiterin Luzia Pahle ist diese Verbindung über viele Begegnungen hinweg gewachsen.
Die Probe läuft inzwischen seit einer halben Stunde, niemand steigt aus, niemand wirkt ungeduldig. Ebert lässt das nächste Lied anlaufen: Wir reden miteinander, denn wir haben was zu sagen, aber du schlägst immer nur zu. Die Kinder tragen die Zeilen ruhig, aber klar vor. Sie arbeiten konzentriert, als gehörte das seit Jahren zu ihrem Alltag. Die Pause kommt gleich.
Aus Pahles Sicht spiegelt die Schulband das Konzept der Schule: „Wir sind wer“ – der Name vermittelt ein Selbstbewusstsein, das den Blick für andere nicht verliert. Während die Musik verhallt, sagt die Schulleiterin: „Wir haben ein offenes Haus.“ Eltern kommen häufig, viele mit Migrationsgeschichte, manche ohne ausreichende Deutschkenntnisse. Seit Eltern bei festgestelltem Förderbedarf zwischen Förderschule, Schwerpunktschule und Grundschule wählen können, sind die Beratungen umfangreicher geworden.
Im Musikraum hebt Ebert ein letztes Mal die Hand. Die Kinder nehmen den Refrain auf, sicher und mit einem gleichmäßigen Rhythmus. Danach legt er die Gitarre ab. „Pause“, sagt er. Ein kurzer Moment des Luftholens, bevor es weitergeht – wie so oft in einem Projekt, das sich ständig verändert, für die Kids aber verlässlich bleibt.
Gregor Starosczyk-Gerlach
























