NACKENHEIM – Es war der längste Tag des Jahres, mediterran mild, der Platz vor dem Rathaus ausverkauft mit 220 Menschen – wie schon bei den fünf Vorstellungen zuvor. Und doch war die letzte Aufführung von Carl Zuckmayers „Der fröhliche Weinberg“ in seiner rheinhessischen Heimat keine Wiederholung, sondern ein Höhepunkt: atmosphärisch dicht, künstlerisch herausragend und getragen vom außergewöhnlichen Engagement der Ortsgemeinde Nackenheim und ihrer Bewohner.

Das bestens gestimmte Publikum honorierte die Jubiläumsaufführung zum 100. Geburtstag des 1925 uraufgeführten Stücks mit Begeisterungsstürmen. Unter Leitung der jungen Regisseure Andreas Schlicht und Federico Mesina verwandelte sich der Rathausplatz erneut in eine lebendige Kulisse für Zuckmayers urwüchsige Weinbergswelt – und das unter freiem Himmel, eingerahmt von Fachwerk, Reben und Applauswellen. Für das gelungene Bühnenbild zeichnete Reinhard Dietzen verantwortlich, Vizepräsident der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft Mainz.
Günter Beck, Präsident der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft, eröffnete den Abend mit einer pointierten Einführung in Werk und Entstehungsgeschichte des Stücks. Dass er anschließend selbst als Wirt Eismayer von der „Landskrone“ – und als fast urgewaltiger Schlachter im blutrünstigen Outfit – auf der Bühne stand, verlieh dem Abend zusätzliche Authentizität – und eine gute Portion Zuckmayer’schen Charmes.

„Der fröhliche Weinberg“ erzählt von Jean-Baptiste Gunderloch, einem reichen Winzer, der seine Tochter Klärchen möglichst bald verheiraten will – und zwar nicht aus väterlicher Fürsorge, sondern, um sich der Pflicht zur Nachkommenschaft zu vergewissern. Doch Klärchen liebt nicht den aufgedrängten Juristen Gustav Knuzius, sondern den aufrichtigen und bodenständigen Rheinschiffer Jochen Most. Im authentischen Weinbergsambiente, mit viel Spott, Spielfreude und Satire entfaltet sich eine Komödie, die nie seicht ist. Zuckmayer, der das Stück 1921 im Weinherbst der frühen Weimarer Republik schrieb, lässt hinter der Fassade des Lustspiels ein Bild der damaligen Gesellschaft aufscheinen: Humanisten, Liebende, Antisemiten, Geschäftemacher und sich formierende Nationalsozialisten begegnen sich – inmitten von Wein, Witz und Widerstand.

Das Publikum erlebte Schauspielkunst auf höchstem Niveau: Reinhard Dietzen verkörperte Gunderloch als kraftvollen Patriarchen mit rissiger Fassade. Christine Hassemer gab Klärchen Anmut und viel Eigenwillen, Stefan Dörr spielte den pragmatisch-verliebten Jochen Most mit großer Präsenz. Judith Stoner als Haushälterin Annemarie brachte Tiefe und Bodenständigkeit ein, während Tobias Ludwig den arroganten Schnösel Knuzius satirisch perfekt zum Leben erweckte. „Most“ und „Knudzius“ lieferten sich dazu eine Kampfchoreografie, die fast mit dem Ertränken des Verschmähten im Rathausbrunnen endete.

Hervorzuheben sind auch Tobias Kock als quirliger Weinhändler Rindsfuß – mit einer schauspielerischen Sondereinlage als munteres Rehlein – sowie Uwe Malzahn als Kölner Händler Stenz mit authentischem rheinischem Zungenschlag. Markus Knaup, als Weinhändler Hahnesand, animierte mit Stimmkraft und Charisma das Publikum zum Mitsingen.
Alle Darstellerinnen und Darsteller verschmolzen perfekt mit ihren Rollen, aber ein absolutes Highlight waren doch die Auftritte der drei „Veteranen“ Chinajockel (Erwin Kerz), Stopski (Berni Dumont) und Ulaneschorsch (Jürgen Furrer), die mit knorriger Bühnenpräsenz und komödiantischem Timing glänzten – und ihre Dienste für Kaiser und Vaterland augenzwinkernd in Wein aufwiegen lassen wollten.

Ein großer Dank galt René Adler, Bürgermeister von Nackenheim, ohne dessen Unterstützung und der der Anwohner – die über Tage hinweg ihre Einfahrten und Grundstücke wegen Bühnenaufbauten nicht nutzen konnten – dieses Projekt nicht möglich gewesen wäre. Und auch bei der letzten Aufführung waren prominente Gäste anwesend: Janina Steinkrüger, Umweltdezernentin der Stadt Mainz (Bündnis 90/Die Grünen), Anette Odenweller, Ortsvorsteherin von Mainz-Ebersheim (CDU), sowie Dr. Robert Scheurer, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bodenheim (CDU).

In seinem Jubiläumsjahr kehrte „Der fröhliche Weinberg“ also zurück zu seinen Wurzeln – in ein Rheinhessen, das sich verändert hat, aber noch immer weiß, wie man feiert, denkt und spielt. Zuckmayer wollte nie nur belustigen, sondern stets auch den Finger in die Wunde legen. Genau das gelang auch bei dieser Neuinszenierung: Sie war typisch rheinhessisch, volkstümlich, aber nie flach; witzig, aber nie hohl; kritisch, aber nie moralinsauer.
Und vielleicht ist das die größte Leistung dieser Festspielreihe: Sie macht uns Zuckmayer neu vertraut – im Licht der langen Sommerabende, zwischen Weinreben und Erinnerungen, mit einem Lächeln – und einem kleinen Kloß im Hals.

Sabine Longerich























