Start Rheinhessen/Mainz Der „Rhoiadel“ ist wieder da Die Renaissance des Mund-ART-Theaters

Der „Rhoiadel“ ist wieder da Die Renaissance des Mund-ART-Theaters

Kai, Elke, Katharina, Sophia Foto: Klaus Schmitt

BODENHEIM – Es gibt ihn noch (oder wieder): den Meenzer „Rhoiadel“. In dem 2000 gegründeten Verein versammelten sich Mainzer jeder Couleur, jedes Geschlechts und jeden Alters, die sich dem Dialekt und dem Lebensstil ihrer Heimatstadt verbunden fühlten. Sie ersannen, probten und führten immer mehr Stücke „aus dem richtigen Leben“ auf. Ziel war es, die Mainzer Lebensart vielen Menschen zu vermitteln. Bald genoss das Theater mit seinen 50 Darsteller*innen einen weit über die Mainzer Stadtgrenzen reichenden ausgezeichneten Ruf. Durch Übernahme des Geländes an der ehemaligen Mombacher Phönix-Halle musste man leider die ursprünglichen Räumlichkeiten dort räumen, da eine weitere Nutzung finanziell nicht mehr zu stemmen war. Nach einem kurzen Intermezzo in der „Goldene-Ross-Kaserne“ konnte dort aber letztlich kein dauerhafter Spielbetrieb installiert werden. So war man nun seit 2018 auf der Suche nach einer neuen „Heimat“. Dies war ein schwieriges Unterfangen. Viele Optionen wurden ins Auge gefasst und erkundet. Die Suche war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Ein weiterer Spielbetrieb musste schweren Herzens daher eingestellt werden.  Ein Silberstreif am Horizont erschien dann 2022, als die Bodenheimer Schauspielgruppe „Applaus e.V.“ den Mainzern eine Kooperation anbot. So konnte der „Rhoiadel“ im April 2022 erstmalig im dortigen Dolleskeller wieder auftreten.  Eine Dauerlösung konnte dies aber wegen der Größe der Bühne leider nicht werden. Die erfolgreichen beiden Vorstellungen weckten jetzt wieder die Lebensgeister der so lange „Auftrittslosen“ und ihre wilde Lust nach „Mehr“! Man fand dann schließlich neue Räumlichkeiten im renommierten Bodenheimer Weingut „Westerheymer Hof“. Dort entstand in einer chic und geschmackvoll eingerichteten früheren Scheune nach vielen Einsätzen fleißiger Helfer eine neue Bühne. Nun konnte es endlich losgehen. Ein Ruck ging durch das gesamte Ensemble und die fleißigen Mithelfer. Am ersten Mai-Wochenende wurde nun die Posse „Die Mumbacher Klappsmiehl“ aus der Feder des Vorsitzenden und Schauspielers Markus Andres an zwei Abenden mit großem Erfolg aufgeführt. Achtzig begeisterte Besucher (die maximale Einlassszahl) fanden den Weg in die neue, aparte Spielstätte und dankten den acht Akteuren für eine höchst unterhaltsame Performance mit  “Standing Ovations“. Allen Akteuren konnte man anmerken, dass sie noch nichts von der Lust und dem Talent, Theater zu spielen, eingebüßt haben.

Lichtermann, Drosselbart, Kai, Einstein, Elke.
Foto: Klaus Schmitt

Zur Story: Die meisten Insassen der Irrenanstalt „Mumbacher Dachsbau“ sind eigentlich nur reizend verrückt. Aber es gibt eine düstere Ecke im Haus: das Zimmer 13. Darin werden die absoluten Härtefälle und die am schwierigsten und fast un-therapierbaren Fälle untergebracht: Drosselbart (Ralf-Rainer Hundertmark), Einstein (Markus Andres) und Egon Lichtermann (Manfred Schmitt). Die Story beginnt mit dem letzten Arbeitstag der langjährigen, resoluten Anstaltsleiterin Professorin Dr. Sophia Liebig (Ilse Richter) und der Einführung ihrer Nachfolgerin Dr. Katharina Wohlleben (Petra Beringer). Pfleger Kai Schuld (Klaus Ritter) merkt man zu Beginn schon an, dass seine lange Tätigkeit im Haus mental auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen ist. Er verstrickt seine scheidende Chefin in einen kruden Dialog. Es folgen die Auftritte der drei „Behämmerten“, des musisch angehauchten Drosselbart und des Hardcore-Eintracht-Fans Lichtermann. Dieser ist „de Härteste“, der alle Konflikte körperlich lösen will und bisher nur seinen drei Hobbys Fußball, Weiber und Saufen frönte. Der Dritte im Bunde, Einstein, ist fraglos der schwierigste Fall: Er spricht nicht, macht nur dämliche Aktionen und ist offensichtlich nicht gewillt, am „normalen“ Bekloppten-Alltag teilzunehmen. Mit Grandezza erscheint dann die neue Chefin Dr. Katharina Wohlleben, die diese schwere Aufgabe nicht zu scheuen scheint. Ihre einführenden Therapiegespräche mit den Patienten aus Nr. 13 geben einen Einblick auf deren mentalen Zustand, aber auch auf den von Frau Doktor. Sie praktiziert mit leichter Verwirrtheit Monologe mit ihrem Goldfisch „Neptun“. Rigoros mit strengem Regiment lebt die bezaubernde Küchenhilfe Elke Kachelmann (Christina Seitz) ihren Job aus. Mit ihrem herrischen Auftreten ist sie der Alptraum der bedauernswerten Insassen. Bei einem Slapstick-Tango beweist sie jedoch aufreizende, schlangenähnliche Tanztalente.

Egon und Sabine. Foto: Klaus Schmitt

Eine dramatische Wendung nimmt das Ganze als Lichtermanns Nichte Sabine (Carole Runkel) mit einem geheimen Zauberwort auftaucht. Dieses befreit Einstein von seiner gespielten Sprachlosigkeit und Dämlichkeit. Er und Lichtermann haben wegen einer dunklen Vergangenheit einige Kerben am Colt. Um üblen Gesellen aus dem Weg zu gehen und dem normalen Leben zu entkommen, haben sie die Flucht in die Anstalt angetreten. Durch das Codewort sind auch sie endlich von der „Mombacher Klappsmiehl“ befreit und können sie verlassen. So zeigt sich jetzt im turbulenten Finale in einem atemberaubenden Szenario, wer hier wirklich „bekloppt“ ist. Ein toller Auftritt eines perfekt eingespielten Ensembles, das die Souffleuse  Anita Leo arbeitslos am Bühnenrand sitzen ließ. Freunde des humorvollen Laienspieltheaters sollten die nächste Aufführung am 16. Juni auf keinen Fall versäumen. Bodenheim und die Verbandsgemeinde können sich über die Bereicherung der hier ohnehin großen und vielschichtigen Kulturszene freuen. Es gibt noch Tickets gibt’s über www.Rhoiadel.de

Text und Fotos: Klaus Schmitt