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Musik als Bekenntnis zur Demokratie Zwölf Lieder und Statements zum Mutmachen beim Konzert in der ausverkauften kING 

Gemeinsamer Schlussakkord in der kING: Zum Finale des Mutmach-Konzerts stimmten die Künstler zusammen „König von Deutschland“ an. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

INGELHEIM – Schon der Zeitpunkt war Botschaft. Am Vorabend der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz wurde die ausverkaufte Kongresshalle (kING) in Ingelheim zum Ort eines Konzertabends, der Musik und demokratische Haltung ausdrücklich zusammenführen wollte. Das „Mutmach-Konzert“, mitorganisiert vom Verein In-RAGE, verstand sich als Kulturveranstaltung mit Signalwirkung für Zusammenhalt und Demokratie.

Dass der Abend in dieser Größenordnung überhaupt zustande kam, war ursprünglich nicht vorgesehen. Dieter Engelhardt vom Bündnis InRage schilderte vor Beginn, die Idee sei zunächst deutlich kleiner gedacht gewesen. Erst im Austausch mit der Ingelheimer Kultur und Marketing GmbH (IkUM) als Veranstalter sei aus einem Format im Foyer die Entscheidung für den großen Saal geworden.

Peter Föller von Birth Control verband seinen Auftritt in der kING mit klaren Worten für Freiheit, Haltung und demokratisches Engagement. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Engelhardt zeigte sich „emotional total begeistert“ und lobte die professionelle Unterstützung durch die IkUM, die organisatorisch viel abgenommen und dem Bündnis zugleich künstlerische Freiheit gelassen habe. Auch bei den Künstlern sei die Bereitschaft groß gewesen. Die Resonanz sei so stark ausgefallen, dass man, so sein Eindruck, mühelos noch länger hätte spielen können.

Der politische Kern des Abends lag nicht parteipolitisch im engen Sinn, wohl aber klar in der Haltung. Bereits im Vorfeld war das Konzert als Abend mit zwölf Stimmen und einer Botschaft angekündigt worden. Auf der Bühne stand zur Eröffnung Rainer Ghitescu von Rainers Liedermacher.

Gespräch auf der Couch: Moderator Janboris Ann-Kathrin Rätz (2.v.r.) im Austausch mit Lea Funk (1.v.r.) Heidi Breiling (3.v.r.) sowie den Jürgen und Andreas Thelen 1.v.l.).
Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Durch den Abend führt Janboris Ann-Kathrin Rätz. Die Moderation hielt das Programm nach der Eröffnung durch Rainer Ghitescu von Rainers Liedermacher zusammen und gab den sehr unterschiedlichen Beiträgen einen gemeinsamen Rahmen. Viele der Appelle kreisten um Haltung, Respekt und die Aufforderung, Gesicht zu zeigen. Jeder Künstler suchte sich dafür eine Zeile oder einen Gedanken aus dem mitgebrachten Lied aus, den er mit einer eigenen Botschaft verband.

Stephan Fees von Frozen Brains setzte mit BAPs „Kristallnaach“ einen der markantesten politischen Akzente des ersten Teils. Er erinnerte an einen Satz seiner Großmutter, der ihm im Gedächtnis geblieben sei: „Ich glaube, wir haben damals schlimme Dinge getan.“ Damit bekam der Auftritt eine zusätzliche historische Schwere. Myriam Kavelj-Fuchs beantwortete die Frage, wie Gesicht zu zeigen sei, mit einem knappen, aber klaren Satz: mit Respekt.

Sehr bewegend geriet der Beitrag von Chiara Zed. Sie verband in „Ein Spiel“ Musik und politische Aussage und erinnerte damit an ein Kind, das nach einer missglückten Flucht über das Mittelmeer tot am Strand gefunden worden war. Ihre Botschaft war eindeutig: Niemand dürfe ertrinken gelassen werden.

Peter Föller, Bassist der Rockband Birth Control, bekam Applaus für Sätze, die nach gelebter Überzeugung klangen. Die Freiheit von heute, sagte er, sei nicht selbstverständlich, und man müsse jeden Tag für sie kämpfen. Mit der zunehmenden Rücksichtslosigkeit, die schon im Alltag und im Straßenverkehr beginne, komme er nicht klar. Das Alter, sagte er, gebe ihm inzwischen die Kraft, sich einzusetzen, weil er vieles gesehen habe. Musik sei für ihn immer auch eine Möglichkeit gewesen, sich von Vorurteilen zu befreien. Gerade deshalb sei es wichtig, dass Musiker sich äußerten.

Menna Mulugeta beeindruckte beim Mutmach-Konzert mit ihrer kraftvollen Interpretation von „Schrei nach Liebe“ und einem eindringlichen Appell gegen Hass und Ausgrenzung. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Menna Mulugeta interpretierte mit großer stimmlicher Kraft „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte. Eine Strophe erinnerte im Hip-Hop-Stil an die Namen der Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau im Jahr 2020: Ferhat, Hamza, Said, Willi, Mercedes, Kalloyan, Fatih, Sedat und Gökhan.

Sie sprach auch über eigene Momente der Mutlosigkeit, sagte aber, an Abenden wie diesem werde spürbar, dass „die Trolle im Internet nicht mehr sind als wir“. Gerade in dieser Mischung aus Verletzlichkeit, Kraft und Präsenz gewann ihr Auftritt besondere Wucht. Heidi Breiling setzte früh einen Ton, der programmatisch wirkte: Es gebe keine stabile Alternative zum Optimismus. Jürgen und Andreas Thelen vom Zaubertheater Zeitensprung holten das Publikum gemeinsam singend ab und machten aus ihrem Beitrag ein echtes Mit- und Mutmachlied.

Julia Oschewsky setzte mit „You Are the Voice“ und ihrer klaren Botschaft gegen Angst einen stimmlich stark prägenden Akzent des Abends.
Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Lea Funk von Couch & Cocktail griff mit „Get up, stand up“ der Wailers einen Klassiker des Widerstands auf und verband ihn mit einem Appell an Kinder: Ihr seid wichtig, ihr müsst euch für nichts schämen. Julia Oschewsky, vierfache Mutter, sang „You Are the Voice“ und formulierte dazu den Satz, der den Abend ebenfalls gut zusammenfasste: Sie habe keinen Bock, Angst zu haben.

Die Binger Herzbuben brachten unterhaltsamere Töne in das Programm, ohne den Grundcharakter des Abends zu verlassen. Laura Müller von Extraordinary setzte mit „Imagine“ von John Lennon einen weiteren Höhepunkt. In der Summe lebte das Mutmach-Konzert von seiner Vielfalt – nicht zu vergessen: die exzellenten Begleitband. Nicht jeder Beitrag hatte dieselbe Intensität, nicht jede Botschaft dieselbe Schärfe.

Das Konzert gipfelte in der Zugabe, als die Sängerinnen und Sänger gemeinsam Rio Reisers Lied „König von Deutschland“ anstimmten. Aus vielen einzelnen Stimmen wurde noch einmal ein gemeinsamer Schlussakkord.

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Gregor Starosczyk-Gerlach: Redaktionsleiter für Journal LOKAL Rheinhessen. Erfahrener Journalist und Fotograf für Journal LOKAL seit 2013. Experte für Lokalmedien mit Schwerpunkt Rheinhessen und Mainz. Theologiestudium als Inspirationsquelle für faszinierende Alltagsgeschichten.