
INGELHEIM – Lange galt der Aufenthalt Karls des Großen im Jahr 774 als Beginn der Ingelheimer Geschichte. Mit der Sommerausstellung „Grab 447 – Ein fränkischer Krieger auf dem Weg ins Jenseits“ zeigt das Museum bei der Kaiserpfalz nun eine Epoche, die mehr als zwei Jahrhunderte früher einsetzt. Archäologische Funde belegen: Ingelheim spielte schon in der merowingischen Zeit eine bedeutende Rolle.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein Mann, geboren um 600, gestorben um 650. Sein Grab lag zwischen Nieder- und Ober-Ingelheim. Anthropologische Analysen zeichnen ein klares Bild: Der Tote war 1,73 Meter groß, kräftig gebaut und 40 bis 50 Jahre alt. Auffällig am Skelett ist die sogenannte Reiterfacette an den Hüften – ein Hinweis auf viele Stunden im Sattel. Zwar litt er an Arthrose und Spuren früher Mangelernährung, doch insgesamt zeigte sich ein robuster Skelettbefund, wie Historikerin Miriam Maslowski erläuterte. Das Grab wurde in einer aufwendigen Blockbergung gesichert und anschließend von Spezialisten untersucht.
Zu den Highlights gehören das Graboriginal in der Mitte der Schau und Hologramme, die den Krieger samt Kleidung und Bewaffnung mit kriminaltechnischen Mitteln digital zum Leben erwecken.
„Egal, was dieser Mann im Leben getan hat – im Grab ist er ein Krieger“, zitierte Maslowski Holger Grewe, Leiter der Forschungsstelle Kaiserpfalz. Die Beigaben bestätigen das: ein Langschwert (Spatha), ein kürzeres Schwert (Sachs), ein Schild und kunstvoll verzierte Metallbeschläge. Feine Silber- und Kupfereinlagen halfen bei der Datierung in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts.
Von diesem Datum ausgehend liefert der Fund neue Erkenntnisse über die Vergangenheit Ingelheims. „Unsere Erzählung hat immer mit Karl dem Großen begonnen und seiner Palastanlage in Nieder-Ingelheim“, erklärte Maslowski bei einer Führung durch die Multimedia-Schau in der kING. „Doch die Archäologie erlaubt uns inzwischen, viel weiter zurückzuschauen – bis um 500 nach Christus.“
Nach dem Rückzug der Römer blieb das Rheintal ein zersplittertes Gebiet. Germanische Stämme kämpften um Macht. Die Franken setzten sich durch – nicht zuletzt, weil ihr König Chlodwig I. das Christentum annahm und damit die gallo-römische Elite gewann. „Ohne diese Rückendeckung wäre die Herrschaft der Franken kaum möglich gewesen“, führte Maslowski aus.
Die Präsentation im Museum veranschaulicht die Welt der frühen Franken. Und sie beantwortet eine offene Frage: Warum errichtete Karl der Große eine seiner wichtigsten Pfalzen in Ingelheim? Maslowski nennt den entscheidenden Faktor: Karl fand vor Ort nicht nur ein paar Gehöfte. Vielmehr ein gesellschaftspolitisches und vor allem religiöses Zentrum. Dafür spricht das Baptisterium der benachbarten St.-Remigius-Kirche, die Ingelheim als frühmittelalterlichen Taufort kennzeichnet. „Wir können heute besser erklären, warum Karl der Große hier eine seiner bedeutendsten Residenzen baute – Ingelheim war schon vorher ein besonderer Ort.“
Die Ausstellung trifft den Nerv des Publikums. Bereits in der ersten Woche strömten über 1.000 Besucherinnen und Besucher in die kING. Aus den Gästebüchern zitierten die Organisatoren Kommentare wie „sehr interessanter Einblick in das frühe Mittelalter“ oder „supertolle Ausstellung“. Andere Besucher schrieben: „Muss man gesehen haben!“ oder „Vielen Dank an die Forscher!“. Der Mix aus sehenswerten Installationen, digitaler Wissensaufbereitung und fundierter Vermittlung kommt offenbar gut an. Eine Nachfrage Maslowskis in der Gruppe wies zudem Gäste von außerhalb des Rhein-Main-Gebiets nach.
Die Ausstellung bot nicht nur dieser Gruppe viele Gelegenheiten, das Gehörte interaktiv zu vertiefen. Sehenswert ist auch der Nachbau der Grabungsstelle, an dem diverses archäologisches Instrumentarium gezeigt wird.
Die Sommerausstellung „Grab 447 – Ein fränkischer Krieger auf dem Weg ins Jenseits“ ist noch bis Sonntag, 24. August, in der kING zu sehen.
Gregor Starosczyk-Gerlach
























