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Vom Traubensaft zum feinen Tropfen Kultur- und Weinbotschafter >>>Wie 14 Neuwinzer das Weingut Eulenmühle auf den Kopf stellten

Alle sind konzentriert bei der Sache: Wie schmeckt der Wein? Foto: Sabine Longerich

Nieder-Olm – Es war ein Nachmittag, der nicht nur Weingläser, sondern auch Erwartungen zum Klingen brachte: Im gemütlichen Kelterhaus des Weinguts Eulenmühle in Nieder-Olm trafen sich 14 stolze, aber auch leicht nervöse Möchtegern-Winzerinnen und Winzer zum großen Finale des Projekts „Winzer für ein Jahr“. Nach Monaten der Arbeit im Weinberg und heimischem Experimentieren im Keller stand nun der Moment der Wahrheit bevor – die Blindverkostung der selbstgekelterten Weine. Und was für eine Überraschung es wurde!

Ein Jahr voller Arbeit, Geselligkeit und Weinberg-Romantik

Seit Februar hatten die Teilnehmer unter der fachkundigen Anleitung von Winzer Christian Debo und Kultur- und Weinbotschafterin Angelika Friedrich die Geheimnisse des Weinbaus erkundet. Vom Rebschnitt im Winter über die zarte Pflege der Reben im Frühling bis hin zur Ernte im Herbst – jedes Treffen war ein Abenteuer. „Wir wollten gar nicht mehr aufhören zu arbeiten“, schwärmte Teilnehmer Eggy rückblickend, „das Picknick auf dem Planwagen mitten im Weinberg und das Essen von der „Mama“ waren einfach perfekt.“ Die Betreuung durch die Debo-Familie und Angelika Friedrich wurde von allen als „familiär, kompetent und herzlich“ gelobt – echter Rheinhessen-Charme eben, dazu mit leckeren Weinen!

Roger Stucke erzielte mit seinem Wein den 1. Platz. Foto: Angelika Friedrich

Doch der eigentliche Test begann erst zu Hause: Jeder erhielt im September eine 5-Liter-Gallone mit frischem Kerner-Traubensaft – eine Kreuzung aus Riesling und Trollinger, bekannt für seine saftigen, leicht muskatigen Aromen von Birne und Apfel. Dazu gab es Schwefel, Hefe und eine Anleitung. „Aus Traubensaft Wein machen – wie schwer kann das schon sein?“ dachten sich viele. Die Realität sah dann doch anders aus: „Mein Produkt roch scheußlich, ich habe mich nicht mal getraut zu probieren“, gestand Peter aus Nierstein, der sogar noch Holzspäne zur „Verfeinerung und für die Balance“ hinzugefügt hatte. Andere berichteten von Gerüchen, die zwischen „Uhu, Lösungsmittel und Kanal“ oszillierten. „Ist da überhaupt Alkohol drin?“, lautete auch eine Frage.

Roswitha und Eberhard sind noch guter Dinge. Foto: Sabine Longerich

Der große Showdown: Niesen, Halskratzen und ein überraschender Sieger

Am Abschlussnachmittag stand die Blindverkostung an: 14 selbstgemachte Weine plus der Profi-Wein von Christian Debo – alle anonym. Wie man Wein richtig probiert, erklärte der Winzer geduldig: „Erst in der Nase, dann im Mund, dann der Abgang.“ Ein paar Produkte schafften es bei einigen sehr Empfindlichen nach der Nase gar nicht mehr in den Mund. Denn schon bei den ersten Weinen gab es statt Genuss eher Niesanfälle – „zu viel Schwefel!“, diagnostizierte Debo lachend. „Die Zugabe von Schwefel ist Gefühlssache – und manche hatten wohl zu viel Gefühl.“

Der Schwefel dominiert wohl leider in dieser Probe … Foto: Sabine Longerich

Die Bewertung war streng, aber fair: Jeder Wein wurde gegen einen anderen getestet, Punkte vergeben, Notizen gemacht. „Wässrig, brandig, zu hell, zu dunkel, beißend“ – die Kommentare waren so vielfältig wie die Weine selbst. Doch am Ende dann eine Überraschung: „Wein 3 und Wein 15 waren identisch – wir wollten testen, ob die Gruppe den gleichen Wein zweimal gleich bewertet“, verriet Angelika Friedrich. „Und tatsächlich: Beide Male gab es fast die gleiche Punktzahl!“

Angelika Friedrich bereitet die Proben vor. Foto: Sabine Longerich

Am Ende stand fest: Platz 1 ging an Roger Stucke, dessen Wein Nummer 12 die strenge Jury mit zwölf Punkten überzeugte. Platz 2 sicherte sich der Profi: Christian Debos eigener Wein (Nummer 6) erhielt neun Punkte. Platz 3 teilten sich die Doppelgänger-Weine 3 und 15 von Frank Bullig mit sieben bzw. acht Punkten.

Platz 3 ging an Frank Bullig. Sein Wein wurde sogar zweimal bewertet. Foto: Sabine Longerich

Weinbau ist Teamwork – und eine Wissenschaft für sich

Die Gruppe war sich einig: „Die Arbeit im Weinberg war easy, aber was im Keller alles schiefgehen kann, hat uns echt überrascht!“ Sauberes Arbeiten, die richtige Lagerung und vor allem Geduld sind das A und O. „Manche Weine schmeckten, als hätte jemand vergessen, den Deckel draufzumachen“, scherzte ein Teilnehmer. Doch Spaß und Leidenschaft überwogen: „Wir wollen mehr!“, war der Tenor. Deshalb gibt es im Juni ein Wiedersehen – mit einem Weinberg-Spaziergang und einer kleinen Schlacht „Rheingau vs. Rheinhessen“, bei der Roger Stucke (Kultur- und Weinbotschafter Rheingau) und Angelika Friedrich (Rheinhessen) ihre Region mit je drei Weinen vertreten.

Vielversprechende, selbst gestaltete Etiketten schmücken die Flaschen. Foto: Sabine Longerich

Und wer jetzt Lust bekommen hat: „Winzer für ein Jahr“ geht in die nächste Runde – und ist bereits ausgebucht. „Das sagt wohl alles“, lacht Angelika Friedrich. „Aber vielleicht gibt es ja 2027 wieder freie Plätze!“

Wer neugierig geworden ist: Der Artikel zum Projektstart im Februar ist hier nachzulesen: https://journal-lokal.de/weinbau-als-winzer-fuer-ein-jahr-hautnah-erleben/

Sabine Longerich