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„Der Bürgerbus ist ein Zukunftsmodell“ Volkmar Kröhl über das zweite Fahrzeug, Ehrenamt und Mobilität im Alltag

Der Bürgerbus Rhein-Selz ist seit 2026 mit zwei Fahrzeugen unterwegs und erweitert sein kostenfreies Angebot für ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen. Foto: privat

RHEIN-SELZ – Zwei Fahrzeuge, fast alle Gemeinden, rund 90 Fahrgäste – der Bürgerbus Rhein-Selz füllt eine Lücke, die klassische Verkehrsangebote nicht schließen. Das Projekt lebt vom Ehrenamt, wird inzwischen weitgehend von der Verbandsgemeinde finanziert und wirft damit eine politische Kernfrage auf: Ist der Bürgerbus ein freiwilliger Zusatz – oder längst Teil der kommunalen Daseinsvorsorge?  Im Interview mit Journal LOKAL spricht Volkmar Kröhl über den wachsenden Bedarf, strukturelle Grenzen und die Verantwortung von Politik und Kommunen.

Journal LOKAL: Herr Kröhl, was ist die Projektgenese des Bürgerbusses – und was hat den Ausschlag gegeben, jetzt ein zweites Fahrzeug einzusetzen?

Volkmar Kröhl: Der Bürgerbus befördert seit 2014 auf ehrenamtlicher Basis ältere und/oder mobilitätseingeschränkte Personen aus der Verbandsgemeinde Rhein-Selz. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Kommunen hinzu. Vor diesem Hintergrund war das Angebot der Verbandsgemeinde, ein bislang von der Stadt Nierstein genutztes und dort nicht mehr benötigtes Fahrzeug zu übernehmen und dem Verein zur Verfügung zu stellen, sehr willkommen.

Journal LOKAL: Wie viele Fahrgäste nutzen den Bürgerbus aktuell? Sind auch jüngere Menschen darunter – und wer darf das Angebot grundsätzlich nutzen?

Volkmar Kröhl: Aktuell sind rund 90 Fahrgäste bei uns registriert, die das Angebot in unterschiedlicher Intensität nutzen. Die Zahl ist mit jeder neu hinzukommenden Gemeinde kontinuierlich gestiegen. Der Fokus liegt klar auf älteren und/oder mobilitätseingeschränkten Personen. Im Einzelfall können das auch jüngere Menschen sein. Nicht durchgeführt werden Krankenfahrten, Rollstuhltransporte oder vergleichbare Leistungen. Es geht ausschließlich um praktische Unterstützung im Alltag, etwa Fahrten zum Einkaufen, zur Bank oder zur Apotheke.

Journal LOKAL: Nach welchen Kriterien wurden Nierstein und Mommenheim neu in das Angebot aufgenommen?

Volkmar Kröhl: In Nierstein wurde das bisherige Stadt-Shuttle eingestellt, das Fahrgäste nur an einem zentralen Punkt aufnahm und wieder dorthin zurückbrachte. Unser Konzept greift hier deutlich weiter: Wir holen die Menschen zuhause ab, bringen sie zurück und helfen beim Transport der Einkäufe ins Haus.

Das trägt spürbar zur Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität bei. Mommenheim ist bereits seit einiger Zeit Mitglied im Verein. Nach Klärung aller organisatorischen Fragen, insbesondere bei Fahr- und Telefondiensten, kann dort nun der reguläre Fahrbetrieb starten.

Journal LOKAL: Wie stellen Sie sicher, dass alle Gemeinden der Verbandsgemeinde gleichwertig vom Angebot profitieren?

Volkmar Kröhl: Bis auf zwei Ausnahmen sind derzeit alle Kommunen der Verbandsgemeinde Mitglied im Verein und werden durch den Fahrdienst bedient. Oppenheim und Guntersblum verfügen über eigene Fahrdienste, wobei auch für Guntersblum Fahrten durch den Bürgerbus Rhein-Selz durchgeführt werden. Die konkrete Fahrdienstplanung erfolgt stets in enger Abstimmung mit den lokalen Fahr- und Telefonteams.

Journal LOKAL: Wie viele Ehrenamtliche tragen das Angebot aktuell – und stoßen Sie personell an Grenzen?

Volkmar Kröhl: Neben Vorstand, Fahrdienstleitung und Fahrzeugwart sind derzeit 33 Fahrerinnen und Fahrer sowie 16 Kolleginnen und Kollegen im Telefondienst ausschließlich ehrenamtlich im operativen Betrieb tätig. Insgesamt zählt der Verein 115 Mitglieder, darunter auch die teilnehmenden Gemeinden und Fördermitglieder. Ohne dieses breite ehrenamtliche Engagement wäre das Angebot nicht leistbar.

Journal LOKAL: Der Bürgerbus ist kostenlos. Wer sichert die langfristige Tragfähigkeit des Modells – insbesondere mit einem zweiten Fahrzeug?

Volkmar Kröhl: Ein reiner Betrieb auf Spendenbasis ist seit einigen Jahren nicht mehr möglich, da bundesweit allen Bürgerbusvereinen die Gemeinnützigkeit aberkannt wurde. Der Verbandsgemeinde Rhein-Selz ist die Bedeutung des Projekts bewusst. Deshalb wird der Bürgerbus inzwischen weitestgehend durch die Verbandsgemeinde finanziert.

Journal LOKAL: Welche Unterstützung erhalten Sie konkret von den Kommunen und der Verbandsgemeinde – und wo sehen Sie noch Lücken?

Volkmar Kröhl: Alle beteiligten Kommunen sind zahlungspflichtige Mitglieder im Verein. Die Vereinbarungen mit der Verbandsgemeinde Rhein-Selz befinden sich derzeit noch in der Detailplanung. Vorgesehen ist, dass die Verbandsgemeinde künftig alle Kosten übernimmt, die über Mitgliedsbeiträge und kleinere Spenden hinausgehen, etwa Betriebskosten oder Versicherungen.

Journal LOKAL: Gibt es Begebenheiten, die zeigen, was den Bürgerbus vom klassischen ÖPNV unterscheidet?

Volkmar Kröhl: Unser Angebot ist mit dem ÖPNV nicht vergleichbar. Wir holen die Fahrgäste zuhause ab, begleiten sie beim Ein- und Aussteigen und helfen bei Bedarf beim Tragen der Einkäufe. Häufig schließt sich nach dem Einkauf ein gemeinsamer Kaffeeplausch an. Auch Sonderfahrten zu Veranstaltungen, Seniorentreffs oder Cafés gehören dazu. Besonders berührend sind Gesten der Wertschätzung: Eine Gruppe von Fahrgästen hat beispielsweise eigenständig T-Shirts mit der Aufschrift „Wir lieben unseren Bürgerbus“ anfertigen lassen.

Journal LOKAL: Welche Hürden bestehen für die Nutzung – etwa bei Anmeldung oder Barrierefreiheit?

Volkmar Kröhl: Das Verfahren ist bewusst einfach gehalten. Die Anmeldung erfolgt jeweils am Vortag telefonisch über lokale Nummern, die regelmäßig in der Presse veröffentlicht werden. Die Fahrzeuge verfügen über automatisch ausfahrende Einstiegsstufen, Rollatoren können mitgenommen werden. Rollstühle können wir allerdings nicht transportieren.

Journal LOKAL: Abschließend gefragt: Ist der Bürgerbus ein dauerhaft wachsendes Modell oder eher eine Übergangslösung?

Volkmar Kröhl: Wir sehen den Bürgerbus eindeutig als Zukunftsmodell. Er steht nicht in Konkurrenz zu bestehenden Strukturen, sondern verfolgt ein eigenständiges Konzept. Im Mittelpunkt steht nicht wirtschaftlicher Gewinn, sondern die Lebensqualität der Menschen.

Journal LOKAL: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Gregor Starosczyk-Gerlach

Zur Info: 

Ende November 2025 wählten die Mitglieder des Vereins einen neuen Vorstand. Zuvor entlastete die Versammlung das bisherige Gremium.

Neuer Vorsitz:

Robert Kunnen (1. Vorsitzender) und Angelika Hofmeister (2. Vorsitzende)

Weitere Funktionen:

Sigrun Damerow (Kassenwartin), Stefanie Kanter (Fahrdienstleitung),

Volkmar Kröhl (Schriftführer und Pressewart), Thomas Rüger (Mitgliederbeauftragter)