
RHEINHESSEN/BINGEN – Mitte Januar zog erstmals ein Weißstorch seine Kreise über dem NABU-Zentrum Rheinauen in Bingen-Gaulsheim. Wenige Tage später beobachteten ehrenamtliche Storchenhorstbetreuer ein Storchenpaar auf einem Nest in den Binger Rheinauen.
Die Tiere begannen bereits mit dem Nestbau. Diese frühe Rückkehr deutet darauf hin, dass die Störche den Winter im Süden Deutschlands oder in anderen Teilen Europas verbracht haben, so Robert Egeling vom Projektbüro NABU-Zentrum Rheinauen. Offenbar verzichteten die Tiere im vergangenen Herbst auf den kräftezehrenden Zug über das Mittelmeer nach Afrika.
Wie Leiterin des NABU-Auenservice Daniela Schaefer-Krolla erläutert, verlassen viele Zugvögel ihre Brutgebiete nicht wegen der Kälte, sondern wegen des im Winter knappen Nahrungsangebots. „Würmer- und Insektenfresser finden unter den winterlichen Bedingungen in Nord- und Mitteleuropa kaum Nahrung“, so die Diplom-Biologin. Vogelarten, die sich von Körnern, Sämereien oder Kleinsäugern ernähren, seien davon weniger betroffen.
Wie Schaefer-Krolla ausführt, bieten die Überwinterungsgebiete im Süden zwar ausreichend Nahrung für erwachsene Tiere, jedoch nicht für die Aufzucht großer Nachwuchszahlen. Deshalb kehren die Zugvögel im Frühjahr in ihre europaweit verbreiteten Brutgebiete zurück. Nur etwa ein Zehntel der in Deutschland vorkommenden Vogelarten lebt als sogenannte Standvögel ganzjährig hier.
Die überwiegende Mehrzahl sind Zugvögel. Neben dem Weißstorch zählen unter anderem Kuckuck, Kranich, Kiebitz, Feldlerche, Nachtigall und Hausrotschwanz zu den Arten, die in Deutschland nur während der Brutsaison anzutreffen sind. Schätzungen zufolge überqueren jährlich rund fünf Milliarden Vögel allein zwischen Europa und Afrika die Kontinente, weltweit sind es etwa fünfzig Milliarden Individuen.
Der Vogelzug verlangt den Tieren enorme körperliche Leistungen ab. Viele Arten legen mehrere Tausend Kilometer zurück, fliegen bei Tag und Nacht und trotzen dabei auch ungünstigen Witterungsbedingungen. Zusätzliche Gefahren erschweren die Wanderung.
Der Verlust von Rastplätzen, Kollisionen mit Stromleitungen, Windkraftanlagen, Hochhäusern und Fensterfronten, zunehmende Lichtverschmutzung, der fortschreitende Klimawandel sowie die anhaltende Bejagung führen dazu, dass jedes Jahr mehrere hundert Millionen europäische Zugvögel ihre Reise nicht überleben.
Der NABU appelliert in diesem Zusammenhang, die geltenden Regeln in den Naturschutzgebieten einzuhalten, Wege nicht zu verlassen, Hunde anzuleinen und Lärm zu vermeiden. Gerade in den Schutzgebieten am Inselrhein benötigen die Tiere nach ihrer Rückkehr ungestörte Rückzugsräume.























