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Worte wie Brücken zwischen gestern und heute Neues Kulturformat in der Emondshalle verband persönliche Geschichten mit Oppenheims Geschichte

Svenja aus Mainz erhielt nach dem klaren Votum des Publikums die Trophäe des Oppenheimer Poetry Slams. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

OPPENHEIM – Es waren an diesem Abend nicht die Kulisse, obgleich die unbedingt erwähnt werden sollte, denn sie verlieh der Emondshalle den Hauch einer Kleinkunstbühne. Es waren auch nicht große Effekte, die das Oppenheimer Publikum fesselten. Es waren Worte und Erinnerungen. Sätze, die nachhallten. Mit dem Poetry Slam hatte Oppenheim vor Kurzem ein Kulturformat ausprobiert und damit etwas gefunden, das erstaunlich gut zur Stadt passte.

Zeitreise als Leitmotiv

Denn das Motto des Abends lautete „Zeitreise“. Eine Vokabel, die in der Stadt seit dem vergangenen Jahr immer wieder auftauchte. 2025 feierte Oppenheim die Verleihung der Stadtrechte vor 800 Jahren. Nun griffen junge Künstler, Wortakrobaten und Geschichtenerzähler das Motiv erneut auf. Wohl nicht im historisch-klassischen Sinn, sondern persönlich, emotional, manchmal schmerzhaft nah.

Die Regeln des Abends waren einfach: Mehrere Teilnehmer traten mit selbst geschriebenen Texten gegeneinander an. Das Publikum entschied per Applaus, wer weiterkam. Namen wirkten dabei beinahe nebensächlich. Die Künstler stellten sich mit Vornamen vor und schnell wurde klar: Entscheidend waren die Inhalte und sie reichten bisweilen tief.

Die Teilnehmer und Organisatoren des Poetry Slam in der Emondshalle beim Gruppenfoto eines Abends, der persönliche Geschichten, Erinnerungen und gesellschaftliche Themen unter dem Motto „Zeitreise“ zusammenführte.
Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Svea eröffnete ihren Text wie einen düsteren Monolog über Frauen, die in früheren Jahrhunderten unverstanden gewesen waren, verfolgt wurden, vielleicht als Hexen endeten. Doch Sveas Gedanken blieben nicht in der Vergangenheit stehen. Immer wieder zog sie Linien in die Gegenwart, sprach von Angst, gesellschaftlichem Druck und den Flammen, die Generationen von Frauen umgeben hätten. „Ich glaube nicht an Gott, aber rette mich“, rief sie in den Raum.

Hannah aus Wiesbaden richtete ihren Text an ihr jüngeres Ich. Uwe reiste zurück in seine Jugend, in eine Zeit von Musikkassetten, aufgenommenen LPs und Mixtapes für Freundinnen. Er erzählte von Bandsalat und herausgezogenen Kassettenresten, die wie Bildminiaturen einer analogen Vergangenheit wirkten, die manche im Publikum verstanden.

Svenja aus Mainz wiederum schlug die direkteste Brücke nach Oppenheim. Ihr Text klang wie ein poetisches Geschenk an die Stadt. Sie reiste 800 Jahre zurück, sprach über Stadtrechte, Fortschritt und gesellschaftliche Veränderungen. Doch auch sie blieb nicht in der Vergangenheit stehen. Manche Brücken in die Zukunft, sagte ihr Text sinngemäß, führten leider in eine Welt, die aus der Geschichte wenig gelernt habe.

Persönliche Erinnerungen und große Themen

Sonja aus Fulda blickte auf ihr eigenes jüngeres Ich, auf ein sensibles Mädchen, das sich selbst fremd geworden war. „Ich passe in jedes Bild, nur nicht in mein eigenes“, sagte sie mit ruhiger Stimme. Vielleicht, so ihre Überlegung, seien Zeitreisen auch die Suche nach dem Moment, in dem Menschen sich selbst verloren hätten.

Eindringlich beschrieb Veronica aus Schwäbisch Gmünd die Erinnerungen ihrer Eltern an den Krieg. Die Flugzeuge über den Köpfen ihrer Mutter. Den Vater, der als Erstklässler den Angriff auf Kiel erlebt hatte. „Es waren nicht viele Kinder aus seiner Klasse am Tag danach wieder da“, erzählte sie.

Fatih aus Mainz unternahm eine andere Reise: hinein in eine Familie, die stritt, laut war, unterschiedlich dachte und trotzdem zusammengehörte. Paul aus Mainz entwickelte seine Texte dagegen als Dialoge zwischen Eltern und Kindern, in denen sich viele Zuschauer wiederfinden konnten.

Vor dem Finale sorgten Ylva und Fabio musikalisch für Akzente, die erstaunlicherweise eher Teil einer gemeinsamen Atmosphäre waren als bloßes Rahmenprogramm.

Ein Format, das zur Stadt passt

Im Finale traten schließlich Svea, Svenja, Veronica und Fatih erneut an. Diesmal mit neuen Texten. Am Ende entschied der Applaus für Svenja. Sie sprach über Äußerlichkeiten, Verletzungen und die Suche nach sich selbst. Immer wenn sie lache, erinnere sie sich an Worte, die sie einst zutiefst getroffen hätten. Gleichwohl sollte die Hoffnung die Oberhand behalten: „Liebe wird mich wiederfinden“, sagte sie. Irgendwie stand dieser Satz über dem Abend.

Klar ist: Poetry Slam ist ein Wettbewerb. In Oppenheim schuf er aber Nähe. Die Emondshalle als Kleinkunstbühne und Denkraum, wegen der Intimität der Verse vielleicht auch als intimer Raum, das tat der Stadt gut. Jedenfalls ging Oppenheim im 801. Jahr der Stadtrechte einen interessanten Schritt weiter.

Gregor Starosczyk-Gerlach

Info: Am Tag traten Kinder und Jugendliche beim Poetry Slam auf die Bühne, hier der Bericht.