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Der Titel des 52. Open Ohr Festivals lautet: „Alleinsam“ Auf der Suche nach Ursachen, Verantwortung und Auswegen

Das Open Ohr Festival fordert einerseits die gesellschaftliche Verantwortung ein, was zu keinem Gegensatz zu einer Feierstimmung stehen muss. 2025 feierte das Publikum ausgiebig unter anderem Valentino Vivace. Beim 51. Open Ohr Festival mischte die Gruppe Italo-Disco, French-Touch und Indie-Pop zu einem Tanzsound. Archivfoto: Gregor Starosczyk-Gerlach

MAINZ – Mit dem Start des Ticketverkaufs im Dezember ist das 52. Open Ohr Festival zugleich in die gedankliche Phase der Vorbereitungen getreten. Denn die Veranstalter haben für das Fest auf der Zitadelle im Mai einige Grundsatzüberlegungen veröffentlicht. Unter dem Titel „Alleinsam“ greift das Open Ohr Festival diesmal die Frage nach Ursachen und Folgen sozialer Isolation. Die Überlegungen, ob und warum politisch tragfähige Antworten auf jenes längst bekannte Problem weiterhin ausbleiben, sollen in den Fokus des politisch-kulturellen Festivals vom 22. bis 25. Mai rücken.

Wie die Freie Projektgruppe und das Amt für Jugend und Familie der Stadt Mainz im Vorfeld des Festivals ausführen, sei ein Strategiepapier der Bundesregierung aus dem Jahr 2023, das Einsamkeit erstmals ausdrücklich als gesellschaftliches Problem benannt hatte, der Ausgangspunkt für den Titel „Alleinsam“. Bereits kurz nach der Veröffentlichung sei das Dokument indes in die Kritik geraten. Die Maßnahmen wurden als unzureichend bezeichnet, die finanziellen Mittel als knapp bemessen und die strukturellen Ursachen ungenügend berücksichtigt. Zwei Jahre später stellt die Freie Projektgruppe somit die Frage des Festivals: Hat sich die Situation inzwischen verbessert, oder ist Deutschland weiterhin ein einsames Land?

Aus der Sicht der Wissenschaft, so das Orga-Team, gilt die Einsamkeit als ein subjektives Gefühl, das entsteht, wenn soziale Beziehungen als zu wenige oder zu oberflächlich erlebt werden, obwohl ein Bedürfnis nach Nähe besteht. Im Unterschied zum Alleinsein, das bewusst gewählt und positiv sein kann, wird Einsamkeit stets als belastend wahrgenommen. Ihre Folgen reichen von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronischem Stress. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Stigmatisierung: Einsamkeit gilt noch immer als Tabu, Betroffene machen sich häufig selbst verantwortlich.

Das Festival will laut dem Konzept die Einsamkeit jedoch nicht allein als ein individuelles Problem in Betracht ziehen, sondern die Verschärfung der Situation durch die soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten und den Mangel an offenen, konsumfreien Begegnungsorten offenlegen. Auch in Mainz zeige sich solche Entwicklung, so die Organisatoren. Besonders dort, wo soziale Unterschiede groß sind, trete Einsamkeit vermehrt auf:  Wer wenig Geld hat, bleibt vielerorts ausgeschlossen, denn Cafés, Kulturangebote, Sportstätten oder selbst öffentliche Freizeitorte seien oft nur gegen Bezahlung zugänglich.

Die Einsamkeitspuren sehen die Festival-Macher auch in der Arbeitswelt. Homeoffice und digitale Arbeitsformen haben seit der Corona-Pandemie stark zugenommen. Der Anspruch permanenter Leistungsbereitschaft bleibt jedoch bestehen. Zeit für Freundschaften, soziale Bindungen oder ehrenamtliches Engagement fehlt häufig. Dabei seien stabile Beziehungen ein entscheidender Schutzfaktor gegen Einsamkeit. An ihre Stelle tritt nicht selten ein Markt, der Einsamkeit verwertet. Dabei suggerieren digitale Angebote, personalisierte Werbung oder Konsumversprechen bloß eine Nähe.

Die Folgen der Einsamkeit hat gesundheitlich und politisch weitreichende Folgen. Soziale Isolation könne krank machen und das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächen. Studien zeigen, dass einsame Menschen anfälliger für Verschwörungserzählungen, populistische Parolen und extremistische Narrative sind. Einsamkeit wird damit zu einem demokratischen Risiko, das politische Verantwortung erfordert.

Das Open Ohr Festival will Räume für Austausch, Information und Kritik schaffen und dadurch die Verantwortung einfordern, um über die Einsamkeit zu sprechen. Mit Filmen, Konzerten, Workshops, Theateraufführungen und Diskussionsrunden sollen eigene Erfahrungen geteilt und Forderungen formuliert werden, um letztendliche den Auswirkungen der Vereinsamung entgegenzusteuern.

Autor: red

Informationen zu Tickets:

Für das 52. Open Ohr Festival wird erstmals ein Supporter Ticket angeboten. Mit dieser Ticketkategorie können Besucherinnen und Besucher das nicht-kommerzielle Festival gezielt finanziell unterstützen und so zu seinem langfristigen Erhalt beitragen.

Das Supporter Ticket kostet 79,10 Euro für die Dauerkarte, beziehungsweise 120,90 Euro für die Dauerkarte inklusive Zeltplatz. Die Preise der regulären Tickets bleiben unverändert.

Eine 4-tägige Dauerkarte kostet im Vorverkauf 57,10 Euro, ermäßigt 36,20 Euro. An der Tageskasse liegt der Preis bei 63,00 Euro, ermäßigt bei 38,00 Euro. Tageskarten sind ausschließlich an der Tageskasse erhältlich.