
INGELHEIM – An einem der heißesten Tage des Jahres flackert eine kleine Flamme im Wind. Eine Kerze, selbst gestaltet von einem Paar, das sein Eheversprechen erneuern will, soll zu Beginn der Zeremonie an einer großen Kerze entzündet werden. Das gelingt, auch wenn der Wind ihr zusetzt. Die Flamme hält, verschwindet fast und kommt wieder. Pfarrer Christian Brost greift diesen Moment auf. Fast beiläufig wird die kleine Flamme zum Bild für die Liebe. Der Wind könne sie ausblasen, sagt er sinngemäß.
34 Paare nutzten das Angebot
So wie Astrid und Matthias nutzten vor Kurzem 34 Paare das Angebot „Einfach heiraten“. Einige heirateten kirchlich. Andere erneuerten ihr Eheversprechen. Wieder andere wünschten sich einen Segen für ihre Beziehung oder ihre Familie. Organisiert hatten den Tag an der Burgkirche in Ober-Ingelheim Pfarrerin Jessica Grünenwald und die stellvertretende Dekanin Vanessa Bührmann. Unterstützt wurden sie von einem Team des Evangelischen Dekanats Ingelheim-Oppenheim. Rund zehn Pfarrerinnen und Pfarrer waren im Einsatz. Hinzu kamen zahlreiche Ehrenamtliche und weitere Hauptamtliche. Sie bauten auf, schmückten, begleiteten Paare und betreuten die verschiedenen Stationen.
„Ja, mit Gottes Hilfe“
34 Mal wiederholten sich an dem Tag an der Ingelheimer Burgkirche jedenfalls wunderbare Momente, in denen äußerlich kaum etwas geschah und die dennoch trafen – auch einen unbeteiligten Beobachter, und zwar mitten ins Herz. So wie bei Astrid und Matthias. Sie waren schon viele Jahre miteinander verbunden. Gemeinsame Reisen gehörten zu ihrem Leben, ebenso der Triathlonsport. Sie hatten Kinder begleitet und verschiedene Lebensphasen miteinander durchlebt. Dabei hatten sie sich wohl auch immer wieder neu kennengelernt.
Der Pfarrer fragte beide nacheinander: Wollen sie ihr Leben weiterhin miteinander teilen? Wollen sie einander lieben, ehren, achten und vertrauen? Füreinander da sein? „Ja, mit Gottes Hilfe“, antwortete Astrid. Dann Matthias: „Ja, mit Gottes Hilfe.“
Einige hatten sich vorher angemeldet, manche kamen spontan
Mehr passierte nicht. Dennoch wehte aus den Worten eine potente Kraft, die letztendlich das Leben trägt. Vielleicht waren es gerade solche Momente, die diesen Tag rund um die Burgkirche prägten. Manchmal standen Paare nur zu zweit vor einer Pfarrerin oder einem Pfarrer. Manchmal waren ein oder zwei Gäste dabei, manchmal mehr. Einige Paare hatten sich vorher angemeldet. Andere kamen mehr oder weniger spontan. Pfarrerin Grünenwald nannte ein paar Beispiele: Eine Frau holte ihren Partner im Büro ab. Er wusste offenbar nicht, was sie vorhatte. Bei der Anmeldung wurde klar: Viel Zeit blieb nicht. Um 13 Uhr musste sie zurück sein. Die Mittagspause setzte den Rahmen. Ein anderes Paar heiratete am Morgen standesamtlich. Erst am Vortag hatte aber ein Arbeitskollege im Radio von „Einfach heiraten“ gehört. Er fand, das könne doch etwas für die beiden sein. Also kamen sie. Andere trugen ihren Wunsch seit Jahren mit sich. Manche waren längst standesamtlich verheiratet. Nun holten sie die kirchliche Trauung nach. Es gab gleichgeschlechtliche Paare und Patchwork-Familien, andere wünschten sich eine Familiensegnung. Wieder andere wollten gar nicht heiraten, aber ihre Beziehung unter einen Segen stellen.
„Wir haben nicht alles in unserer Hand“
Im Gespräch mit Grünenwald und Bührmann führte die Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ immer wieder zu der Überlegung, dass sich Menschen auf natürliche Weise wünschen, dass eine Beziehung gelingt. Sie können sich bemühen. Sie können füreinander da sein und einander versprechen, gemeinsam weiterzugehen. Doch niemand kann wissen, was kommt. „Wir haben nicht alles in unserer Hand“, sagte Grünenwald.
Vielleicht lag genau dort der sehr persönliche Wunsch nach Segen, vermuten die Pfarrerinnen. In der Hoffnung, irgendwie begleitet zu sein. Auch dann, wenn die Wege schwierig werden und wenn das Bisherige neu beginnen oder weitergehen soll, weil zwei Menschen zueinander sagen: Wir gehören zusammen.
Gregor Starosczyk-Gerlach























